Pfefferminz-Kaugummis: Gut für den Atem, mitunter gefährlich für die Verdauung, wenn sie Sorbitol enthalten
Im Jahre 2008 stellte eine junge Frau die Mediziner der Berliner Charite vor ein Rätsel. Die 20-jährige litt monatelang unter Durchfällen, Unterleibsschmerzen und nahm insgesamt elf Kilogramm ab. Die Ärzte untersuchten ihre Patientin, doch weder eine Darmspiegelung noch eine Röntgen- oder Blutuntersuchung führten zu einer Diagnose.
Schließlich identifizierten die Mediziner den Auslöser der Beschwerden. Er war klein, weiß und erfreut sich normalerweise eines einwandfreien Rufes. Das Mädchen litt in Folge von übermäßigem Zahnpflegekaugummi-Konsum. "Die Patientin kaute mindestens 20 Streifen, also zwei Päckchen pro Tag", erinnert sich Dr. Jürgen Bauditz, Oberarzt der Gastroenterologischen Abteilung der Charité in Berlin.
Zahnpflegekaugummis enthalten in der Regel den zahnfreundlichen Zuckeraustauschstoff Sorbitol. Dieser hat zwar etwas weniger Kalorien als Kristallzucker, wirkt aber ab einer bestimmten Menge abführend.
"Empfindliche Menschen können diesen Effekt bereits ab einer täglichen Dosis von 5 Gramm bemerken. Aber spätestens bei 20 Gramm pro Tag leiden fast alle unter Durchfällen", so Bauditz. In der Fachliteratur findet man oft auch 50 Gramm pro Tag als laxierende Dosis, doch Baudiz traut mehr seinen Erfahrungen. "Mit steigendem Konsum nehmen die unangenehmen Nebenwirkungen wie Völlegefühl, Blähungen und Durchfall zu", warnt der Experte.
Die genannten Symptome decken sich mit denen des Reizdarmsyndroms. Und tatsächlich kann der Verzehr zuckerfreier Kaugummis diese Krankheit verschlimmern. "Unser Körper nimmt Sorbitol nicht auf. Die Moleküle verbleiben komplett im Darm und ziehen so immer mehr Wasser in das Lumen", erklärt Bauditz. Das entspricht der Wirkweise eines Medikaments gegen Verstopfung. Unser Experte bezeichnet Zahnpflegekaugummis daher auch als "dosierte Abführmittel".
Trotz dieser Warnung darf man natürlich den zahnpflegenden Aspekt der Kaustreifen nicht vernachlässigen. Die Kariesprophylaxe ist wissenschaftlich bewiesen und unzweifelhaft. "Es kommt einfach auf die Dosierung an", so Bauditz. Wichtig zu wissen: Sorbitol und andere Zuckeraustauschstoffe sind reine Naturprodukte, und daher auch in vielen Obstsorten enthalten. "100 Gramm Pflaumen liefern zwischen 1,5 und 4,5 Gramm Sorbitol", so Anja Krumbe vom Deutschen Süßstoffverband in Köln. Auch Birnen und Pfirsiche sind ordentliche Sorbitollieferanten. Den sorbitolreichen Apfel, eine Entwicklung der Gentechnologie, hält Bauditz für eine klare Fehlentwicklung.
Die laxierende Wirkung Sorbitols ist übrigens der Grund, weshalb der Zuckeraustauschstoff für die Süßung von Getränken nicht zugelassen ist. Zuckerfreie Softdrinks enthalten in der Regel Süßstoffe und diese zeigen laut Krumbe keinen abführenden Effekt. Bauditz hingegen ist sich in diesem Punkt nicht so ganz sicher. Allerdings bestätigt auch er, dass es bisher keine gegenteiligen Forschungsergebnisse gibt.
Der Gastroenterologe weiß aber aus Erfahrung, dass es immer wieder Patienten gibt, die auch nach dem Genuss von Süßstoffen über Magen-Darm-Störungen klagen. Daher rät er auch mit derart gesüßten Lebensmitteln lieber sparsam umzugehen. "Manche Menschen trinken zwei bis drei Liter Softdrinks pro Tag. Enthielten diese Mengen Sorbitol zum Süßen, dann wäre der Effekt wirklich verheerend", so Bauditz.
Aber auch die zucker- oder süßstoffhaltige Variante ist keine gesunde Alternative. Am besten löscht man seinen Durst mit klarem Wasser. Bauditz plädiert übrigens dafür, dass die Hersteller zuckeraustauschstoffhaltiger Lebensmittel den Hinweis "Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken" in Zukunft deutlicher sichtbar auf die Packungen drucken müssen. "Das Risiko ist vielen Menschen gar nicht bewusst."
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
17.06.2010, aktualisiert am 17.08.2010
Bildnachweis: iStock/DGM007
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