Chronisches Fatigue-Syndrom (CFS)

Bleierne Müdigkeit, totale Erschöpfung – bei solch unklaren Beschwerden kann ein chronisches Fatiguesyndrom (CFS) vorliegen. Die Ursache könnte eine Immunstörung sein
von Dr. Christian Guht, aktualisiert am 24.11.2014

Völlig erschöpft: Ist es das chronische Fatiguesyndrom (CFS)?

Corbis/Ocean/Tom Merton

Es ist ein Sammelsurium diffuser Beschwerden ohne erkennbare Ursache: Bleierne Tagesmüdigkeit, Kopf- und Gelenkschmerzen, Konzentrationsstörungen. Als chronisches Erschöpfungs- oder Fatiguesyndrom (CFS) bezeichnen Ärzte diese Konstellation von Symptomen, wenn sie dafür keinen anderen Grund ausmachen können. Auch myalgische Enzephalomyelitis (ME) nennen sie es.

Was aber hinter dem Leiden steckt, das gut eine Viertelmillion Bundesbürger betreffen soll, darüber rätseln und debattieren Fachleute: Handelt es sich um eine Immunstörung? Welche Rolle spielen seelische Einflüsse?

Symptome: Wie äußert sich CFS?

Bei den Betroffenen kommt es typischerweise nach einem Infekt – etwa nach dem Pfeifferschen Drüsenfieber – zu bleibender schwerer Erschöpfung. Außerdem treten Konzentrations- und Gedächtnisprobleme auf. Trotz der chronischen Müdigkeit kann es zu Schlafstörungen kommen. Weitere Symptome sind Gelenk-, Muskel- oder Kopfschmerzen, schmerzhafte Lymphknotenschwellung, grippiges Gefühl, Darmbeschwerden und diffuser Schwindel. Bereits leichte Anstrengungen wie der Gang zum Arzt führen oft zu tagelanger Zunahme der Beschwerden. Pausen bewirken keine Erholung. Die Beschwerden dauern über Monate an und können bis zur Berufsunfähigkeit führen.

Diagnose: Wie stellt der Arzt CFS fest?

Es gibt Diagnosekriterien für CFS. Am häufigsten werden die sogenannten Kanadischen Kriterien verwendet. Chronische Fatigue tritt jedoch auch bei vielen anderen Erkrankungen auf. Das heißt, der Arzt muss andere mögliche Ursachen für die dauerhafte Abgeschlagenheit abklären. Denn eine chronische Infektion wie Hepatitis, Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose, eine Krebserkrankung oder Depression können ebenfalls mit schwerer Fatigue einhergehen. Bislang gibt es keine eindeutigen Befunde – etwa Blutwerte – die CFS zweifelsfrei anzeigen.

"Wenn man das Krankheitsbild aber gut kennt, ist es meist schon recht charakteristisch", sagt Professorin Carmen Scheibenbogen vom Institut für Medizinische Immunologie der Berliner Charité. Typisch sei der relativ plötzliche Beginn nach einem Infekt. Zusätzlich gibt es bestimmte klinische Kriterien, die vorliegen sollten, um die Diagnose zu sichern. Dazu gehören etwa die Zunahme der Symptome nach Anstrengung und ihr Andauern über mindestens sechs Monate.

Ursachen: Was sind die Auslöser?

Die genauen Entstehungsmechanismen der Erkrankung sind nicht bekannt. Experten wie Carmen Scheibenbogen gehen aber davon aus, dass es sich um eine Störung ähnlich einer Autoimmunkrankheit handelt, die in der Regel als Folge einer Infektion auftritt. Eine Autoimmunkrankheit liegt vor, wenn sich das Immunsystem durch eine Fehlsteuerung gegen körpereigene Gewebe oder Rezeptoren richtet. "Neueste Untersuchungen weisen auch auf schwere Störungen im Energiestoffwechsel hin. Dieser läuft nur noch auf Sparflamme, ähnlich wie bei Tieren im Winterschlaf. Einiges spricht dafür, dass Antikörper diese Veränderungen auslösen", so die Immunologin. Häufig bestehe zudem ein Mangel an Antikörpern (Immunglobulinen). Bestimmte Entzündungsstoffe sollen ebenfalls eine Rolle spielen.

Ein einheitliches Krankheitskonzept konnte trotz solcher Befunde bislang aber nicht gesichert werden, weshalb es auch Kritik an der Diagnose gibt: Die unbewiesene Theorie einer Immunstörung fixiere Patienten, die körperliche Beschwerden ohne organischen Befund (Somatisierungsstörungen) oder eine Depression haben, auf ein körperliches Problem. Das verstärke womöglich ihre Beschwerden. Carmen Scheibenbogen schließt bei ausführlicher Diagnostik eine Verwechslung der Fatigue-Symptomatik mit einer sogenannten larvierten Depression aber aus. "Das lässt sich oft schon am psychischen Antrieb des Patienten gut differenzieren", sagt sie. Seelische Faktoren können die Fatigue-Symptome allerdings verschlimmern.

Therapie: Wie lassen sich die Beschwerden behandeln?

Eine gezielte Therapie steht bislang noch nicht zur Verfügung. Doch es gibt verschiedene Behandlungsansätze im Rahmen von Studien: Der monoklonale Antikörper Rituximab, der auch als Krebsmedikament eingesetzt wird, führte in norwegischen Studien zu einer deutlichen Besserung der Symptome bei etwa der Hälfte der Patienten. Das Mittel führt allerdings bei einigen Patienten zunächst zu einer Zunahme der Beschwerden und ist für die Behandlung von CFS nicht zugelassen. Weitere Behandlungsansätze, die im Rahmen von Studien geprüft werden, sind Immunglobuline, Immunadsorption und das Krebsmedikament Endoxan. "Leider ist das Interesse der pharmazeutischen Industrie an der Erkrankung bislang gering, so dass bislang kaum klinische Prüfungen von Medikamenten stattfinden, obwohl es weitere Medikamente gibt, die möglichwerweise wirksam wären", sagt Carmen Scheibenbogen.

Momentan orientiert sich die Behandlung an den Symptomen. Es ist eine Therapie der kleinen Schritte. Der Hausarzt behandelt zunächst die belastendsten Beschwerden, wie Schmerzen und Schlafstörungen. Wenn Patienten Mangelzustände entwickeln, insbesondere an Vitamin D und Eisen, oft auch an Vitamin B1, B6, B12, Zink oder Aminosäuren, sollte der Mangel ausgeglichen werden. Kleine Studien zeigen, dass manchen Patienten hochdosiertes Magnesium und sogenannte Nahrungsergänzungsmittel mit NADH, Coenzym Q10 oder Ribose helfen. Ob eine solche Ergänzung im individuellen Fall ratsam erscheint, sollte aber mit dem Arzt abgestimmt sein. Viele Patienten leiden an häufigen Infektionen und Allergien. Sie sollten gut behandelt werden, da sie oft zu einer Zunahme der Beschwerden führen.

Zusätzlich sind Maßnahmen der Verhaltensanpassung wichtig, wie Scheibenbogen ergänzt. Aktivitäts-Tagebücher oder Anleitungen, wie man mit seinen Kräften richtig umgeht, gehören dazu. "Patienten lernen dabei, ihre Kräfte so einzuteilen, dass sie eine Verschlimmerung vermeiden", so Scheibenbogen. "Auch Techniken zur Entspannung wie autogenes Training oder Yoga sind oft hilfreich. Sport hingegen ist nicht zu empfehlen, da er zu einer Zunahme der Beschwerden führt". Gar keine Aktivität kann die Situation allerdings auch verschlechtern. Deshalb ist es wichtig, seine individuellen Belastungsgrenzen zu kennen, sogenannte Aktivitäts-Tagebücher oder -Armbänder können dabei helfen.

Oft handelt es sich um eine chronische Erkrankung. Es gibt aber auch Patienten, die wieder vollständig genesen. Dazu ist das Vermeiden von Überlastungen ebenso wie die symptomorientierte Therapie hilfreich.

Beratende Expertin: Professorin Carmen Scheibenbogen

W&B/Privat

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Beratende Expertin: Professorin Carmen Scheibenbogen, Fachärztin für Hämatologie/Onkologie und stellvertretende Leiterin des Instituts für Medizinische Immunologie an der Charité Berlin.

Patienten finden weitere Informationen bei der Selbsthilfegruppe Fatigatio, der Lost Voices Stiftung und der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS.  Professorin Scheibenbogen hat das europäische Netzwerk EUROMENE mitaufgebaut mit dem Ziel, Leitlinien für die Diagnose zu erstellen und Therapien zu entwickeln.

Quellen:

Scheibenbogen C, Volk HD, Grabowski P, Wittke K, Giannini C, Hoffmeister B, Hanitsch L: Chronisches Fatigue-Syndrom. Heutige Vorstellung zur Pathogenese, Diagnostik und Therapie. In: tägliche praxis 2014, 55: 567-574 (abgerufen am 20.11.14)

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): Müdigkeit, Leitlinie 2011. Online: http://www.degam.de/files/Inhalte/Leitlinien-Inhalte/Dokumente/DEGAM-S3-Leitlinien/LL-02_Muedigkeit_Langfassung_2011_2.pdf (abgerufen am 20.11.14)


Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.




Bildnachweis: Corbis/Ocean/Tom Merton, W&B/Privat

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