Chirotherapie: Heilende Hände

Neue Griffe, zusätzliche Anwendungsgebiete – das Vertrauen in diese manuelle Behandlungsmethode wächst. Wo wird sie eingesetzt, und was können Chiropraktiker leisten?
von Dr. Ralph Müller-Gesser, aktualisiert am 03.07.2014

Nackenmassage: Da greift die Chirotherapie

Getty Images/Uppercut Images

Um zu erklären, wie er allein mit seiner Technik eine Wirkung erzielen kann, greift Dr. Dietmar Daichendt aus München gerne auf einen Vergleich aus der Informatik zurück: "Bei vielen Schmerzgeplagten sind keine Veränderungen an Knochen, Muskeln oder Bändern an den Beschwerden schuld. Die Hardware ist in Ordnung, aber die Software, die Verarbeitung, funktioniert nicht richtig." Eine Art Programmfehler. "Und was tut man, wenn der Computer nicht mehr reagiert?", fragt der Facharzt für Allgemeinmedizin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirotherapie und Osteopathie. "Man schaltet ihn aus und wieder an."

Neustart. Chirotherapeutische Grifftechniken (vom griechischen "cheir" = Hand) sollen genau das bewirken: mit energiereichen Impulsen die Schmerzverarbeitung kurzfristig aussetzen und das System neu starten. "Stimmt die Diagnose, sind in mehr als 90 Prozent der Fälle nach einer chirotherapeutischen Behandlung die Beschwerden verschwunden", betont Daichendt. "Bei den restlichen zehn Prozent verschwinden sie in den folgenden zwei Stunden. Diese Zeit benötigt die Muskulatur, um sich zu entspannen."


Entwicklung der Chirotherapie in Deutschland

Schon seit der Antike versuchen Mediziner mit den Händen zu heilen. "In Deutschland erlebte die manuelle Medizin in den 1950er-Jahren einen deutlichen Schub", sagt Dr. Helmut Stahlhofer. Damals entwickelten mehrere Ärzte fast gleichzeitig chirotherapeutische Grifftechniken. Der ehemalige Präsident der Wehrmedizinischen Gesellschaft für Chirotherapie und Osteopathie (WGCO) bildet seit mehr als 20 Jahren Ärzte in Chirotherapie aus: "Damals entstanden drei verschiedene chirotherapeutische Ansätze, die aber viele Gemeinsamkeiten haben." So viele, dass die drei Schulen sich heute in puncto Grifftechniken und Ausbildung weitgehend angenähert haben.

"Zur manuellen Medizin werden auch die Osteopathie und die Chiropraktik gezählt", erklärt Daichendt. Dabei ist die Abgrenzung zwischen den einzelnen Verfahren nicht leicht. Es fällt jedoch auf, dass die Grifftechniken der Chirotherapeuten sanfter sind als die der Chiropraktiker. Zudem darf die Chirotherapie nur von Ärzten durchführt werden.

Anwendung schneller und energiereicher Impulse

HVLA lautet die chirotherapeutische Zauberformel. Die Abkürzung steht für "high velocity, low amplitude" (hohe Geschwindigkeit, niedrige Amplitude). Der englische Ausdruck beschreibt das heute gültige Konzept: Chirotherapeuten arbeiten mit schnellen und energiereichen Impulsen, bewegen dabei Gelenke und Gewebe nur minimal. Während früher vor allem Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule Patienten zum Chirotherapeuten führten, hat sich das Spektrum heute auf Beschwerden am gesamten Stütz- und Bewegungsapparat ausgedehnt. Die Osteopathie geht noch weiter: Sie will auch helfen, wenn Organe wie Nieren oder Leber nicht richtig funktionieren. 

"Die Nachfrage nach der Zusatzausbildung Chirotherapie hat deutlich zugenommen", berichtet Stahlhofer. "Vor allem bei den Allgemeinmedizinern wächst das Interesse."  Dabei hatten Berichte über sehr seltene schwere Komplikationen bis hin zum Schlaganfall die ganze Methode, vor allem aber Behandlungen an der Halswirbelsäule, in Verruf gebracht. Auch diese Nebenwirkungsmeldungen trugen vermutlich zum Wandel der Chirotherapie in den vergangenen Jahren bei.


Dietmar Daichendt, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirotherapie und Osteopathie

© Stefan Nimmesgern

Eingriff in die Schmerzverarbeitung

"Osteopathisches Denken ist eingeflossen", erläutert Daichendt. Ruckartige und abrupte Manipulationen wichen sanften und weicheren Griffen. Auch die Erklärung, wie chirotherapeutische Griffe wirken, hat sich geändert. "Früher herrschte die Vorstellung vor, Schmerzen seien auf ein ausgerenktes Gelenk zurückzuführen und würden verschwinden, wenn es wieder eingerenkt wird", sagt Daichendt. "Dieses Denken ist inzwischen überholt. Heute wissen wir, dass chirotherapeutische Griffe in die Schmerzweiterleitung und -verarbeitung eingreifen." Die Manipulationen stellen starke positive Reize dar, die die Schmerzleitung im Rückenmark beeinflussen.

Mit Chirotherapie Blockierungen lösen

Als Wurzel allen Übels gelten sogenannte Blockierungen. "Ist die Beweglichkeit eines Gelenkes eingeschränkt, hat das Folgen", betont Stahlhofer. Dazu zählen unter anderem verschobene Knochen, verhärtete Muskeln und – natürlich – Schmerzen. Der Chirotherapeut spürt die Ursache auf und löst die Blockierung. Dazu drücken seine Hände auf Knochen und Muskeln. Mit standardisierten Griffen überträgt er Impulse auf das betroffene Gelenk und bewegt es so minimal.

Sorgfältig achtet der Therapeut darauf, dass die Manipulation in eine freie und nicht eine blockierte Richtung des Gelenks erfolgt. "Die Schmerzen dürfen während der Behandlung nicht zunehmen", erläutert Stahlhofer. Um die Blockierungen zu finden, orientieren sich Chirotherapeuten nicht nur an schmerzhaften oder verhärteten Muskeln. "Getestet werden auch verschiedene Referenzpunkte am Körper des Patienten", erklärt Daichendt. Ein Gespräch mit dem Patienten, mitunter auch weitere Untersuchungen wie Röntgen- oder CT-Aufnahmen ergänzen diese Diagnostik. Denn wie so oft in der Medizin können die gleichen Symptome verschiedene Ursachen haben.

Voraussetzung: eine exakte Diagnose

Für eine erfolgreiche Behandlung muss die Diagnose exakt stimmen. "Das ist Aufgabe des ärztlichen Chirotherapeuten", sagt Stahlhofer. Schließlich hängt davon eine Menge ab. "Wenn nämlich nicht die Funktion gestört, sondern Gewebe geschädigt ist, sind mitunter andere Maßnahmen nötig." Zudem gilt es mögliche Vorschäden aufzuspüren – vor allem bei Problemen im Bereich der Halswirbelsäule. Sie schließen manchmal eine chirotherapeutische Behandlung aus.

Diese verschiedenen Grenzen erkennt am besten ein ärztlicher Chirotherapeut – ebenso mögliche "Verkettungen". "Solche Probleme lassen sich mit chirotherapeutischen Griffen gut behandeln", sagt Daichendt. Eine Verkettung liegt dann vor, wenn Schmerzen nicht dort entstehen, wo der Betroffene sie spürt, sondern die Folge eines anderen Gesundheitsproblems sind – möglicherweise an einer anderen Stelle des Körpers.

Zusammenhänge zu erkennen ist wichtig

Auch in der Hinsicht habe die Chirotherapie hinzugelernt, sagt Allgemeinmediziner Daichendt: "Früher dachte man in Segmenten und suchte daher die Ursache für die Schmerzen auf Höhe des entsprechenden Wirbelkörpers." Doch bei Verkettungen erstrecken sich die Probleme über verschiedene Segmente. So führt zum Beispiel eine Reizung am Wadenbeinköpfchen zu Beschwerden an der Wirbelsäule. "Oder sie löst Schmerzen an der Ferse aus", weiß Daichendt. "Nur wenn diese Zusammenhänge aufgedeckt und erkannt werden, ist die Behandlung erfolgreich." Umgekehrt stellt der Patient schnell fest, ob die Ursachen tatsächlich behoben wurden. Ist das nicht der Fall, kehren die Schmerzen nämlich bald wieder.

Dies "sollte Anlass sein, nach einer Verkettungsproblematik zu suchen". Stahlhofer hält das bei allen hartnäckigen Schmerzen für nötig – vor allem, wenn herkömmliche Behandlungsansätze versagen. Beispiel Tennisarm: "Hinter den unangenehmen Schmerzen kann eine Blockierung im Bereich der Halswirbel fünf und sechs stecken", sagt Stahlhofer. Mitunter beenden dann chirotherapeutische Griffe und Impulse eine lange Leidenszeit. Neustart geglückt.


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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