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Lymphknoten: Bei Brustkrebs weniger entfernen?

Müssen bei befallenen Wächterlymphknoten auch zahlreiche Achsellymphknoten entnommen werden? Eine Studie stellt den Eingriff infrage


Professor Anton Scharl vom Brustzentrum Amberg sieht sich Mammographie-Aufnahmen an

Bei Brustkrebs entnehmen Chirurgen oft außer dem Tumor einen oder zwei Wächterlymphknoten – Stationen, die der Lymphfluss auf seinem Weg vom Tumor weg als Erste erreicht. „Seit mehr als zehn ­Jahren versuchen Operateure bei Brustkrebs weniger radikal vorzugehen, indem sie diese Wächterlymphknoten, Ärzte nennen sie Sentinels, aufspüren“, erläutert Professor Anton Scharl, Chefarzt am Brustzentrum des Klinikums St. Marien in Amberg. Lassen sich darin keine befallenen Gewebezellen nachweisen, bleibt die Achsel unversehrt. Enthalten die untersuchten Stationen aber Krebszellen, entfernt der Arzt bislang mindes­tens zehn Lymphknoten aus der Achselhöhle.

Nicht selten schwillt dann der Arm aufgrund gestauter Lymphflüssigkeit an. Obendrein kann der Eingriff zu Infektionen, Schmerzen, Taubheitsgefühlen und Einschränkungen in der Bewegung führen. Die Beschwerden belasten die operierten Frauen zusätzlich.



Ein Wächterlymphknoten kann Tumorzellen auffangen, wenn diese aus der Geschwulst in die Lymphbahnen gelangen

Doch nun legt eine Studie nahe, dass diese Achsel-Operationen vielleicht unnötig sind. Dazu behandelten Dr. Armando Giuliano vom John-Wayne-Krebsinstitut im kalifornischen Santa Monica (USA) und seine Kollegen 891 Frauen, bei denen frühzeitig Tumore entdeckt worden waren, ohne tastbare Lymphknoten, aber mit Krebszellen in den Sentinels.

Bei der Hälfte der Frauen entfernten die Mediziner neben den Sentinels im Durchschnitt weitere 17 Knoten, bei der zweiten Gruppe lediglich die Wächterlymphknoten. Das aufsehenerregende Ergebnis nach über sechs Jahren: In beiden Gruppen überlebten mehr als 90 Prozent der Patientinnen, und bei mehr als 80 Prozent trat kein Rückfall ein. „Diese Studie ist zurzeit bei gynäkologischen Onkologen in ­aller Munde, denn sie verändert letztlich die herrschende Meinung, dass eine Achsel-Operation bei tumor­befallenen Wächterlymphknoten therapeutisch immer notwendig sei“, sagt Dr. Kathrin Schwedler, Leiterin des Brustzentrums an der Univer­sitätsklinik in Frankfurt am Main. Denn trotz ähnlicher Ergebnisse aus früheren Studien mit nur wenigen Frauen gingen Ärzte stets davon aus, dass sie bei Krebszellen in Sentinels auch die übrigen Lymphknoten aus der Achsel entfernen müssen.

Nur so meinten sie das Risiko zu verringern, dass der Krebs wieder auftritt oder sich im Körper ausbreiten kann. „Dies hat sich nun unter bestimmten Voraussetzungen nicht bestätigt“, sagt Oberärztin Schwedler. In der aktuellen Studie unterzogen sich alle Frauen einer Operation, bei der die Brust erhalten bleibt. Darauf folgt immer eine Bestrahlung. „Die Brust kann nicht bestrahlt werden, ohne dass eine gewisse Dosis in der Achselhöhle ankommt“, erklärt Anton Scharl, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO). Und weiter: „Ob das der Grund ist, warum es keinen Unterschied in den Gruppen gibt, wissen wir nicht.“ Zudem machten fast alle Frauen eine Chemo- oder Hormontherapie oder beides.

Kann also in Zukunft die routinemäßige Achsel-Operation entfallen? Beide Experten schränken dies ein und bemängeln, dass die Zahl der ­Patientinnen zu gering gewesen sei, um statistisch sichere Aussagen zu machen. Sie fordern daher weitere ähnliche Studien, die den neuen Ansatz bestätigen. „Im Einzelfall kann man sich durchaus überlegen, ob es für die Patientin von Vorteil ist, auf das Entfernen der Achsel-Lymphkno­ten zu verzichten“, betont Scharl.

Die Diskussion darüber ist weltweit voll im Gange. Da es bei Brustkrebs um eine schwere Krankheit und ums Überleben der Frauen geht, muss der Arzt sein Vorgehen mit der Patientin genau absprechen. Scharl sagt: „Als Arzt muss ich sicher sein, dass ich der Patientin durch den Verzicht auf etwas nicht schade.“



Christine Wolfrum / Apotheken Umschau; 09.08.2011
Bildnachweis: W&B/Martina Ibelherr, W&B/Frank Boxler

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