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Brustkrebs-Früherkennung – Falsche Sicherheit

Ob es darum geht, Risikofaktoren zu erkennen oder Mammografie richtig zu beurteilen – Frauen brauchen bessere Informationen

"Vielen Frauen ist nicht klar, dass das Risiko für Brustkrebs mit dem Alter zunimmt“, sagt Dr. Beate Schultz-Zehden, Medizin-Psychologin aus Berlin. Ihre Erkenntnisse stützt sie auf eine Studie zum Mammografie-Screening (Reihenuntersuchung der Brust zur Früherkennung), die sie mit anderen Wissenschaftlerinnen kürzlich durchführte. Drei von vier der 3226 befragten 50- bis 69-Jährigen wussten beispielsweise nicht, dass das Auftreten von Brustkrebs in einem engen Zusammenhang mit dem Alter steht. Vielmehr meinten sie, dass dieser Tumor in jedem Alter gleich oft auftreten könne.

 

Die Berichterstattung in vielen Medien verzerrt vermutlich die Dimensionen, da in den Schlagzeilen häufig junge, prominente Frauen auftauchen. Möglicherweise deshalb kreuzten nur 19 Prozent die richtige Antwort an. Sie lautet: Brustkrebs tritt eher bei älteren Frauen auf. „Sicher kann die Krankheit in fast allen Altersgruppen vorkommen. Rund vier von fünf Karzinomen entwickeln sich jedoch jenseits des 50. Lebensjahres“, betont Schultz-Zehden. Das durchschnittliche Lebensalter für die Diagnose liegt bei 63 Jahren.


Mehr als 57.000 Frauen in Deutschland erkranken pro Jahr an einem Tumor in der Brust. Da das Risiko ab 50 deutlich steigt, wurde bundesweit ein qualitätsgesichertes Mammografie-Screening für 50- bis 69-Jährige eingeführt.


Mammografie bietet keinen Schutz

 

Mehr als zehn Millionen Frauen sollen nun alle zwei Jahre eine schriftliche Einladung erhalten, sich ihre Brüste röntgen zu lassen. Zwei Radiologen überprüfen unabhängig voneinander die Aufnahmen. Ziel ist es, auch einen eventuell vorhandenen Tumor zu entdecken, der so klein ist, dass weder die Frau noch der Arzt ihn vorher ertasten konnten. Finden die Radiologen nichts, erfahren das die Teilnehmerinnen nach einer Woche. Die Kassen übernehmen die Kosten.

 

Überraschenderweise glauben 75 Prozent aller Frauen, dass diese Reihenuntersuchung einen größtmöglichen Schutz vor Brustkrebs bietet. Ein weiteres, ebenso erstaunliches Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Studienteilnehmerinnen meint, das Screening könne Brustkrebs sogar ganz verhindern. „Da liegt ein großes Missverständnis vor“, erklärt Professorin Ingrid Schreer vom Mammazentrum des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Die Röntgen-Untersuchung dient allein der Diagnose, also der Früherkennung. Weder kann sie vor Krebs schützen noch ihn verhindern. Im günstigsten Fall stellt sie Vorhandenes dar. „Einige Frauen haben falsche Erwartungen und erhoffen sich zu viel von dieser Untersuchung“, bestätigt Schultz-Zehden.

 

Auch der Begriff Sicherheit, der im Zusammenhang mit dem Mammografie-Screening häufig fällt, gehört dort nicht hin: „Keine Frau ist sicher. Der Test sieht nicht alles. Zehn bis 15 Prozent aller Brusttumore bleiben trotz Mammografie unentdeckt“, klärt Radiologin Schreer auf. Zudem sind die Bilder Momentaufnahmen. Ein Tumor kann auch in den zwei Jahren zwischen den Screenings heranwachsen. Er hat sogar bereits einen Namen: Intervallkarzinom.

 

Frauen müssen abwägen können

 

Ingrid Schreer hebt hervor: „Viele Frauen glauben, dass sie sich mit einem Mammografie-Screening überwachen lassen können. Das geht nicht.“ Häufig informieren Ärzte und Broschüren Frauen vor der Untersuchung nicht darüber, welche Folgen diese haben kann. Zeigen sich etwa Auffälligkeiten, fordert der Mediziner die Frau auf, erneut zu einer Untersuchung zu kommen.

 

„Meist wird er dabei die Brust abtasten. Eventuell folgt eine Vergrößerungsaufnahme oder ein Ultraschall, um Ungewöhnliches doch als harmlos zu klären“, erläutert Schreer. Manchmal entnimmt der Mediziner auch Gewebe, um präzisere Aussagen treffen zu können. Möglicherweise stellt sich der erste Verdacht dann als Fehlalarm heraus. Der Arzt spricht von einem falschpositiven Befund. Bei einer von fünf nochmals eingeladenen Frauen dagegen diagnostiziert er ein Karzinom.

 

Noch etwas kommt selten zur Sprache: Bei erkannten Vorstufen von Krebs können Ärzte nicht sagen, ob diese im weiteren Lebensverlauf bei der betreffenden Frau zu Krebs geworden wären. Vielleicht wäre die Gewebeveränderung auch ohne Operation, Medikamente und Strahlentherapie nie gefährlich geworden. Das Fazit: Wissen kann belasten und Entscheidungen erfordern, die ohne Untersuchung gar nicht erst anstehen würden. Nicht zuletzt sollte niemand aus den Augen verlieren, dass es sich bei einem Mammografie-Screening um ein Angebot an gesunde Menschen handelt und an jene, die noch nichts von ihrer Krankheit wissen.

 

Letztlich macht die repräsentative Studie deutlich, dass Frauen mehr über den Nutzen und die Risiken erfahren müssen, die durch das Mammografie-Screening entstehen. Viele fühlten sich zu einseitig oder ungenügend informiert, was die falschen Antworten unterstreichen.

 

Aufklärungsgespräche sind nötig

 

Dass dieses Gefühl sie nicht trügt, kann der dänische Wissenschaftler Dr. Peter Gøtzsche bestätigen. Er prüfte Handzettel von Screening-Programmen und stellte fest, dass sie einseitig berichten, um die Teilnahmequote zu erhöhen. „Ob man überhaupt mit einem Flyer oder einer Broschüre gut über das Screening informieren kann, bleibt für mich fraglich“, sagt Schreer.

 

Ginge es nach ihr, sollte Schriftliches ausschließlich als Basis dienen. Ein darauf folgendes Gespräch kann dann noch offene Fragen beantworten. Doch da sieht Schreer einen Schwachpunkt bei ihrer Zunft: „Ich glaube, dass viele Ärzte nicht gut genug Bescheid wissen, um Frauen differenziert aufklären zu können“, beklagt die Expertin.

 

Die Studie deckte zahlreiche Mängel auf. Nun gilt es, diese schleunigst zu beheben. Spezielle Trainingsprogramme für Ärzte, wie es Schreer fordert, sind ein Schritt in die richtige Richtung. Die Radiologin weiter: „Den Test an sich stelle ich nicht infrage. Jede Frau sollte jedoch wissen, was diese Röntgen-Untersuchung leisten kann und was nicht.“ Erst das macht es ihr möglich, zu entscheiden, ob sie das Früherkennungsangebot wahrnehmen möchte.



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Christine Wolfrum / Apotheken Umschau; 21.12.2009, aktualisiert am 12.01.2012

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