Botulismus

Botulismus ist eine Vergiftung durch Bakterientoxine, die lebensgefährliche Muskellähmungen verursacht. Meist wird das Gift über verunreinigte Lebensmittel aufgenommen
von Franziska Draeger, aktualisiert am 10.12.2012

Botulismus kann durch Lebensmittel hervorgerufen werden

W&B/Martina Ibelherr

Alte Familienrezepte ausgraben, mal wieder selbst Fisch einlegen oder Wurst machen. Klingt gut? Vorsicht vor einer gefährlichen Zutat, die in keinem Rezept steht: Botulinum-Neurotoxin. Früher lauerte dieses Bakteriengift vor allem in aufgeblähten Lebensmitteldosen. Kontrollen und Konservierungsstoffe haben Fertiggerichte heute sicherer gemacht. Selbst zubereitete Speisen bergen aber immer noch ein Risiko. Etwa zehn Vergiftungsfälle werden pro Jahr in Deutschland registriert.

Ursachen: Wie entsteht Botulismus?

Hierzulande tritt Botulismus meistens nach dem Verzehr verunreinigter Speisen auf. Bakterien namens Clostridium botulinum überleben in schlecht konservierten, luftdicht verpackten Nahrungsmitteln. Selbst im Kühlschrank können sich die Erreger vermehren, Temperaturen ab drei Grad Celsius reichen ihnen aus. Nur eine Lagerung im Gefrierfach verhindert, dass sich die Bakterien immer weiter ausbreiten. Ihre Ausscheidungsprodukte sind lebensgefährlich. Die Erreger selbst werden meist vor dem Verzehr abgetötet oder sie sterben im Verdauungstrakt, ihr Gift jedoch bleibt bestehen. Wer eine Mahlzeit mit Botulinum-Neurotoxinen isst, ohne sie vorher ausgiebig zu erhitzen (mindestens 15 Minuten bei 100 Grad Celsius), läuft Gefahr, sich zu vergiften.

Zu einer Infektion mit lebenden Bakterien kommt es selten. Säuglinge im ersten Lebensjahr haben jedoch eine schwache Körperabwehr und noch keine stabile Darmflora. In ihrem Verdauungstrakt können sich die Bakterien vermehren und dabei immer mehr Toxin produzieren. Bestimmte Lebensmittel wie zum Beispiel Honig, der Clostridium botulinum enthält, können den sogenannten Säuglings-Botulismus auslösen. Daher wird dringend empfohlen, Säuglinge unter einem Jahr nicht mit Honig oder Honig-gesüßtem Tee zu füttern. Viele Honighersteller weisen auf ihren Produkten auf diesen Punkt hin.

Eine weitere Form des Botulismus ist der Wundbotulismus: Hier kommt es ähnlich wie beim Säuglingsbotulismus zur Vermehrung der Bakterien und zur Toxin-Ausschüttung, allerdings in offenen, nicht desinfizierten Wunden.

Bei Drogenkonsumenten können die Erreger direkt ins Blut gelangen: Im Jahr 2005 erkrankten mehrere Menschen an Botulismus, nachdem sie sich Heroin gespritzt hatten. Ob die Droge selbst verunreinigt war, die Zusatzstoffe oder die Nadeln, ist unklar.

Welche Symptome sind typisch?

Botulinumtoxin ist das stärkste aller bekannten Bakteriengifte. Symptome einer Vergiftung sind zunächst Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Bei einem schwereren Verlauf folgen Lähmungen. Diese machen sich oft zuerst am Auge bemerkbar: Patienten sehen Bilder doppelt und können ihre Lider nicht mehr bewegen, ihre Pupillen sind erweitert und passen sich nicht mehr an die Helligkeit an. Probleme beim Sprechen, eine Schlucklähmung und Atemnot folgen.

Wird ein Patient nicht schnell genug behandelt, kann er das Bewusstsein verlieren und an einer Lähmung der Atemmuskulatur sterben. Die Symptome der Erkrankung können innerhalb weniger Stunden auftreten. Sie können sich aber auch erst nach bis zu zehn Tagen einstellen. Das hängt davon ab, wie viel Toxin aufgenommen wurde und auf welchem Weg, beziehungsweise davon, wie schnell sich die Erreger im Körper vermehren.


Beratende Expertin: Dr. Brigitte Dorner arbeitet als Expertin für Bakterien-Toxine am Robert Koch-Institut in Berlin

RKI/Andrea Schnartendorff

Wie kann der Arzt Botulismus diagnostizieren?

Lähmungen ohne Muskelkrämpfe deuten auf Botulismus hin. Das Empfinden der Patienten ist dabei nicht beeinträchtigt; sie können Schmerz, Wärme und Kälte ganz normal fühlen. Die Lähmungen treten meist symmetrisch in der linken und rechten Körperhälfte auf. Oft beginnen sie am Kopf und breiten sich von dort nach unten aus.

Die Diagnose erfolgt über eine Probe aus Blut-Serum, Mageninhalt oder Stuhl des Patienten (im Fall des Wundbotulismus auch Wundabstrichmaterial vor einer Antibiotikabehandlung). Parallel sollten im Fall des Lebensmittelbotulismus auch Nahrungsmittel aus der Küche des Erkrankten untersucht werden. Die Proben werden in Deutschland nur in wenigen Speziallabors analysiert; das Probenmaterial wird oft in Mäusen getestet. Außerdem gibt es Labor-basierte Methoden um das Toxin und den Erreger zu erkennen. Weil Botulinumtoxine hochgiftig sind und es verschiedenste Ausprägungen von ihnen gibt, ist es immer noch anspruchsvoll, sie eindeutig nachzuweisen.

Botulismus ist eine meldepflichtige Erkrankung nach dem Infektionsschutzgesetz, daher muss eine Diagnose auf Botulismus an das Robert Koch-Institut weitergegeben werden.

Wie sieht die Therapie aus?

Wenn ein begründeter Verdacht auf Botulismus besteht, wird der Arzt auf keinen Fall erst das Ergebnis der Labortests abwarten, bevor er mit der Therapie beginnt. Antibiotika oder andere antibakterielle Medikamente nützen bei einer Botulinumtoxin-Vergiftung nichts. Stattdessen sollte der Arzt dem Patienten sofort das entsprechende Gegengift (Antiserum) geben. Normalerweise wird es in die Vene gespritzt. Die Behandlung wird nach 12 bis 14 Stunden wiederholt.

In manchen Fällen muss das Mittel lumbal (in die Lendenwirbelsäule) gespritzt werden, nachdem eine entsprechende Menge Nervenwasser entnommen wurde. Der Patient sollte umgehend in eine intensivmedizinische Abteilung eingewiesen werden. Dort kann er notfalls künstlich beatmet werden.

Wie kann man Botulismus vorbeugen?

Hausgemachte Leberwurst aus Wildfleisch, geräucherter Lammschinken und selbst eingelegter Hering führten in Deutschland in den vergangenen Jahren zu Vergiftungen. Die lecker klingenden Rezepte hatten alle einen Haken: Das Fleisch wurde nicht mit Nitrit gepökelt, der Hering nicht sauer genug eingelegt, die Leberwurst nicht kalt genug gelagert. Nitrit, eine starke Salz- oder Säurelake machen Fleisch steril.

Wenn man selbst pökeln oder einlegen will, sollte man sich unbedingt informieren, welche Konservierungsstoffe man dafür braucht, und in welcher Menge. Räuchern allein reicht zum Beispiel nicht aus. Lebensmittel, die theoretisch Bakteriengift enthalten könnten, sollte man auf jeden Fall gut erhitzen, dadurch wird das Gift normalerweise zerstört: Fleisch, das eine Viertelstunde lang bei hundert Grad gegart wurde, gilt als sicher – zumindest, wenn man es sofort verzehrt. Kritisch sind auch eingelegte Gemüse (Bohnen, Chili, Paprika), die in Öl (also unter Luftausschluss) gelagert werden; hier traten in der Vergangenheit weltweit immer wieder Vergiftungsfälle auf.

Botulinumtoxin in Kosmetik und Medizin

Manche Menschen tragen das Gift absichtlich unter der Haut. Botulinumtoxin wird zur kosmetischen Behandlung in Hautfältchen injiziert. Es lähmt über einen gewissen Zeitraum die Gesichtsmuskulatur, die Haut wird nicht mehr zusammengezogen und bleibt glatt. Wie viele andere Gifte auch kann Botulinumtoxin in sehr kleiner Dosis heilsam sein: Es kommt als Krampflöser zum Einsatz, etwa bei Lidkrampf und spastischem Schiefhals. Auch bei extremem Schwitzen kann es helfen (Hyperhidrose). In der kosmetischen und medizinischen Behandlung werden die Gifte örtlich begrenzt eingesetzt und gelten – korrekt vom Fachmann angewendet – als nicht gefährlich.


Quellen:
http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2010/42/Art_02.html
http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2005/Ausgabenlinks/48_05.pdf?__blob=publicationFile
Pschyrembel, Willibald (2012): Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, De Gruyter Berlin 2001, Auflage 259, S. 234.
http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Biosicherheit/Agenzien/bg_botulismus.pdf?__blob=publicationFile

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Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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