Schätzungsweise 80.000 Menschen erkranken jährlich in Deutschland an Lyme-Borreliose. Die Auslöser sind Bakterien, die bei einem Zeckenbiss ins Blut gelangen. Sie lassen sich mit Antibiotika meist erfolgreich bekämpfen. Doch bei einigen Patienten kommt es zu hartnäckigen Entzündungen an Nerven und Gelenken.
Grundsätzlich kann es jeden treffen, der sich zwischen Frühjahrsbeginn und Spätherbst in der Natur aufhält. Das Risiko hängt aber sehr von der Gegend ab, in der man unterwegs ist. Analysen ergaben, dass an manchen Fundstellen jede zweite Zecke mit Borrelien infiziert ist, an anderen nur jede hundertste. Auch die Häufigkeit der Blutsauger weist von Ort zu Ort starke Schwankungen auf.
Welche Faktoren diese Unterschiede ausmachen, lag bislang weitgehend im Dunkeln. Forscher der Charité Universitätsmedizin in Berlin haben vier Jahre lang im Auftrag der Baden-Württemberg-Stiftung an 45 Orten Zecken aufgelesen und in ihrem Labor auf Borrelien untersucht. Der Projektleiter Professor Franz-Rainer Matuschka gibt Auskunft zu den wichtigsten Ergebnissen.
Herr Matuschka, wie haben Sie die Zecken gesammelt?
Wir haben mit einer Stoffflagge 29.000 Zecken von Wiesen und Sträuchern abgestreift und eingesammelt. Außerdem haben wir 2000 Kleinsäuger – meistens Mäuse – in Fallen gefangen und von ihnen rund 14.000 Zecken gesammelt. Hinzu kommen 2000 Zecken von Rindern, Ziegen und Schafen. 17.000 der Blutsauger haben wir mit molekularbiologischen Methoden auf Borrelien untersucht.
Was haben Sie herausgefunden?
Der Mensch beeinflusst mit seiner Umwelt auch das Vorkommen von Zecken. So hat ein Wanderer auf einer Weide ein bis zu 54-fach niedrigeres Risiko, sich mit Lyme-Borrelien zu infizieren als einige Meter weiter auf einer brachliegenden Wiese. An Weiden haben wir nicht nur viel weniger Zecken gefunden, diese beherbergten auch seltener Lyme-Borrelien.
Wie kommt es zu diesen großen Unterschieden?
Eine beweidete Wiese ist trockener als eine brachliegende. Zecken überleben jedoch nur bei hoher Feuchtigkeit. Zudem fangen Greifvögel im kurzen Gras mehr Tiere. Mäuse und andere Kleinsäuger sind aber wichtige Zwischenwirte für Borrelien. Denn der Gemeine Holzbock, so heißt die Zeckenart, durchläuft drei Entwicklungsstadien. Frisch geschlüpfte Larven beherbergen noch keine Lyme-Borrelien. Diese nehmen sie erst auf, wenn sie etwa an einer infizierten Maus Blut saugen. Danach fallen sie ab und entwickeln sich weiter zu kleinen Nymphen. Ist der nächste Wirt ein Mensch, kann die Zecke ihn infizieren.
Zecken saugen auch an Kühen, Ziegen und Schafen. Verbreiten diese Tiere ebenfalls Borrelien?
Nein. Wiederkäuer eignen sich nicht als Wirte für Lyme-Borrelien. Zecken, die an ihnen saugen, werden sogar von den Bakterien gereinigt. Weidetiere wirken also wie ein Desinfektionsmittel.
Sollten demnach alle Menschen auf dem Land künftig Vieh halten?
Das geht natürlich nicht. Aber bereits mit einfachen Maßnahmen der Landschaftspflege lässt sich die Zahl der Zecken reduzieren. So könnte man Wanderschäfer mit ihrer Herde entlang viel begangener Wege ziehen lassen. Hilfreich ist es auch, Wiesen regelmäßig zu mähen und das Mahdgut zu entfernen oder noch besser zu mulchen.
Gibt es noch andere Mittel, Zecken von uns fernzuhalten?
Mülleimer sollten einen Deckel haben und regelmäßig geleert werden. Denn Abfall lockt Mäuse, Füchse und Krähen an, die dort nach Nahrung suchen. Damit bringen sie Zecken in die Nähe von uns Menschen. Wir haben mehrere Parkanlagen und Grillplätze miteinander verglichen. An Orten mit einem schlechten Müllmanagement fanden wir viel mehr Zecken im Gras als an gut gepflegten.
Wie schützen Sie sich vor Bissen?
Wenn ich Zecken sammle, trage ich lange Kleidung, festes Schuhwerk oder Stiefel oder ich ziehe anderenfalls meine Socken über die Hosenbeine. Abends suche ich meinen Körper nach Zecken ab. Und wenn sich doch mal ein Tier bei Ihnen festsaugt? Dann entferne ich die Zecke vorsichtig mit einer feinen Pinzette. Wenn dies innerhalb eines Tages erfolgt, besteht ein extrem niedriges Risiko, sich mit Lyme-Borrelien zu infizieren.
Dr. Achim Schneider / Apotheken Umschau;
18.07.2011
Bildnachweis: W&B/Norbert Michalke, Panthermedia/Herbert Riemann
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