Bluthochdruck: Ist 120 das neue 140?

Einer neuen Untersuchung zufolge kann bei Bluthochdruck eine niedrige Einstellung auf einen systolischen Wert von 120 Leben retten. Was das für Patienten bedeutet

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 27.04.2016

Blutdruck messen: Gut eingestellte Werte können Gefäßleiden verhindern

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"Sind meine Blutdruckwerte auch gut genug?" Seit einiger Zeit hört Professor Peter Trenkwalder, Chefarzt der Medizinischen Klinik am Klinikum Starnberg, öfter von Patienten diese Frage. Auslöser ist eine Untersuchung, die im Herbst 2015 im Fachblatt The New England Journal of Medicine erschien und seitdem nicht nur in der Fachwelt hohe Wellen schlug.

SPRINT-Studie: Weniger Todesfälle bei niedrigeren Werten

Diese sogenannte SPRINT-Studie zeigte, dass bei Bluthochdruck-Patienten eine strenge Einstellung des oberen, systolischen Drucks auf 120 mmHg Vorteile gegenüber einem höheren Wert von 140 mmHg besitzt. So traten beim niedrigeren Behandlungsziel deutlich weniger Herz-Kreislaufbeschwerden wie Herzschwäche und Herzinfarkt auf. Auch die Gesamtsterblichkeitsrate sank.


Völlig überraschend kam dieses Ergebnis nicht, so Trenkwalder. Blutdruckexperten hatten das schon früher vermutet. Die SPRINT-Studie war aber die erste Untersuchung, die die Vorzüge der tiefen Senkung mit Hilfe von Medikamenten bei Patienten belegte.

Mit fast 10.000 Teilnehmern war sie auch vergleichsweise umfangreich. Je umfangreicher eine Untersuchung, desto verlässlicher sind ihre Ergebnisse in der Regel. "Zudem wurde die SPRINT-Studie unabhängig von kommerziellen Interessen erstellt", sagt Trenkwalder.


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Hoher Blutdruck tötet lautlos

Bluthochdruck, in der Fachsprache "Hypertonie" genannt, ist eine tückische Krankheit. Betroffene bemerken von dem erhöhten Druck in den Gefäßen meist nichts. Langfristig steigt aber die Gefahr für einen Herzinfarkt und andere Gefäßkrankheiten deutlich an. Bluthochdruck beginnt bei einem oberen, systolischen Druck von 140 mmHg oder mehr sowie bei einem unteren, diastolischen Wert von 90 mmHg oder mehr. Bisher nennen die Bluthochdruck-Leitlinien beim systolischen Druck einen Wert von unter 140 mmHg als Behandlungsziel.

Die Deutsche Hochdruckliga schrieb aufgrund der SPRINT-Daten in einer Pressemeldung von einem "Paradigmenwechsel". Was die Ergebnisse für die Praxis bedeuten werden, lässt sich derzeit aber noch gar nicht klar abschätzen.

Nicht alle müssen auf 120

"Bei einigen Patienten werden wir uns nun sicher stärker bemühen, die Werte weiter zu senken", sagt Trenkwalder, der selbst im Vorstand der Hochdruckliga sitzt. "Es müssen jetzt aber nicht alle auf 120 runter."

Das zeigt schon ein Blick in den Aufbau der Studie: Nur bestimmte Patienten waren zugelassen. Alle Teilnehmer litten nicht nur unter Bluthochdruck, sondern hatten gleichzeitig ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Beschwerden. Nur für diese Gruppe besitzt die SPRINT-Studie also Aussagekraft. Menschen mit der Zuckerkrankheit Diabetes hatten die Studienmacher im Voraus ausgeschlossen. Ob die Ergebnisse für sie gelten, ist noch unklar.

Gefahr von Nebenwirkungen

In Deutschland erfüllen mindestens eine Million Bluthochdruck-Patienten die SPRINT-Kriterien, schätzt Professor Martin Hausberg, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. Doch auch bei ihnen müssen die Werte jetzt nicht in jedem Fall von 140 auf 120 herunter.

Denn eine niedrige Einstellung gibt es nicht immer ohne Preis. Schwindelanfälle sind eine typische Folge einer zu aggressiven Blutdrucksenkung. Tatsächlich traten in der SPRINT-Studie bei Patienten mit einem Zielwert von 120 häufiger Nebenwirkungen auf. Sie verloren öfter das Bewusstsein und erlitten eher ein akutes Nierenversagen.

"Menschen mit Bluthochdruck brauchen immer eine individuelle Behandlung", sagt Professor Hermann Haller, Leiter der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Der behandelnde Arzt muss immer das Für und Wider einer ehrgeizigen Senkung abwägen."

Gute Arzt-Patienten-Beziehung wichtig

Kommt ein Patient mit einer Einstellung auf 140 mmHg gut zurecht, kann der Arzt vorsichtig versuchen, ob die Werte sich weiter senken lassen. "So wird das schon heute oft gehandhabt", sagt Haller. Ist die Gefahr von Nebenwirkungen aber zu groß, sind weiterhin höhere Blutdruckwerte in Ordnung.

Haller möchte wegen der SPRINT-Studie deshalb nicht von einem Paradigmenwechsel sprechen. Ärzte dürften sich seiner Meinung nach nun aber verstärkt darum bemühen, Patienten auf einen Wert unter 140 einzustellen, zumindest wenn das möglich ist. "Dazu kommt es auf eine gute Arzt-Patienten-Beziehung an", sagt Haller. Klagt ein Betroffener infolge der Therapie über Beschwerden wie Schwindel, sollte der Mediziner diese ernst nehmen. Und falls die Symptome nicht wieder verschwinden, muss er die Therapie entsprechend anpassen.

Auch Trenkwalder hält ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten für unerlässlich. "Der Patient muss die Therapie nachvollziehen können und wissen, was für Medikamente er einnimmt", sagt er. Schließlich ist für den Behandlungserfolg Eigeninitiative gefragt. Der Patient sollte nicht nur zuverlässig seine Tabletten einnehmen, sondern mit Lebensstilmaßnahmen die Therapie unterstützen: Regelmäßige Bewegung, Abnehmen und eine gesunde Ernährung helfen entscheidend mit, erhöhte Werte zu senken.

Engmaschige Kontrollen beim Arzt wichtig

Soll der Blutdruck auf 120 runter, sind regelmäßige Kontrollen wichtig, um bei Nebenwirkungen rechtzeitig gegensteuern zu können. "Etwa einmal pro Monat sollte der Arzt dann die Einstellung überprüfen", sagt Hausberg. "Leider passt dieses Ideal nicht zur Versorgungsrealität."

Gerade auf dem Land dürfte es vielen Ärzten nicht möglich sein, jedem Patienten so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Im Zweifelsfall könnten sie Betroffene deshalb auf einen höheren Wert einstellen, bei dem keine Nebenwirkungen zu fürchten sind, obwohl niedrigere Ziele bei diesem Patienten durchaus möglich wären.

"Keine gesunden Menschen zu Patienten erklärt"

Als nächsten Schritt dürften die Ergebnisse der SPRINT-Studie nun wahrscheinlich in die offiziellen Leitlinien zur Behandlung von Bluthochdruck einfließen. In welcher Form, ist aber noch unklar, so Hausberg.

Eines ist aber klar: Der Rat zur 120 gilt nur für Menschen mit bereits diagnostiziertem Bluthochdruck. Für Gesunde ändert sich nichts. Wer einen systolischen Wert von 130 hat, muss also nicht auf 120 herunter. "Es werden keine bislang gesunden Menschen zu Patienten erklärt", sagt Trenkwalder.



Bildnachweis: Your Photo Today / A1Pix

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