Was tun, wenn der Blinddarm entzündet ist?

Ist der Blinddarm entzündet, muss er raus. So lautete bisher die Regel. Doch Ärzte ­diskutieren eine Alternative: Antibiotika

von Sonja Gibis, aktualisiert am 11.01.2016

Blinddarmentzündung: Pillen oder Skalpell?

W&B/Schöttger

Drückt jemand rechts unten auf den Bauch, geht man vor Schmerzen an die Decke. Hüpfen auf dem rechten Bein? Unmöglich! Selbst viele Nicht-Mediziner wissen nach diesen Tests: Der Blinddarm ist schuld. Vor allem bei älteren Menschen löst diese Erkenntnis Panik aus – war ein Durchbruch vor wenigen Jahrzehnten doch häufig noch ein Todesurteil. Ein bedrohlicher Notfall ist ein beschädigter Blinddarm allerdings noch immer. Entzündet sich der sogenannte Appendix, der Wurmfortsatz des eigentlichen Blinddarms, heißt es daher sofort: ab in den OP!


Neue Studie stellt Therapiestandards infrage

Seit einigen Jahren diskutieren Experten dennoch, ob manche Patienten ihren – wie Ärzte gerne sagen – entzündeten "Wurm" behalten sollten. Eine unblutige ­Alternative stellt eventuell eine Therapie mit Antibiotika dar. Bereits mehrere Studien haben gezeigt, dass diese Medikamente die Entzündung in manchen Fällen stoppen können. Doch keine Untersuchung konnte wirklich überzeugen – bis kürzlich eine finnische Studie ver­­öffentlicht wurde. Seither stellen selbst namhafte Chirurgen die OP als einzige Methode der Wahl infrage.

Die für die neue Studie verantwortlichen Ärzte um Dr. Paulina Salminen, Chirurgin an der Uniklinik Turku, untersuchten 530 Erwachsene mit entzündetem Blinddarm. Die einen kamen in den OP, die anderen an den Tropf. Drei Tage lang erhielt die zweite Gruppe Antibiotika per Infusion, weitere sieben Tage als Tabletten. Fast drei Viertel von ihnen hatten auch nach einem Jahr ihren Blinddarm noch – ohne Beschwerden. Bei den anderen 27 Prozent muss­te er trotz Antibiotika in diesem Zeitraum raus. Jedoch kam es bei keinem der Patienten zu ernsten Problemen. Die Frage, die die Studie aufwirft, lautet also: Eignen sich Anti­biotika als Standard, um eine Blinddarmentzündung zu behandeln?

Unstrittig ist immerhin: "Bei komplizierten Fällen nur Antibiotika zu geben ist sicher nicht sinnvoll und ausreichend", sagt Professor Hans-Joachim Meyer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Untersucht wurden die Medikamente daher nur bei unkomplizierten Entzündungen. So durfte kein Durchbruch drohen oder etwa ein Kotstein den Wurmfortsatz verstopfen.


Typische Anzeichen einer Blinddarmentzündung

  • Wichtig zu wissen: Betroffen sind in erster Linie Kinder und Jugendliche.
  • Die Schmerzen beginnen oft in der Nabel- oder Magengegend und wandern in die rechte Seite. Hüpfen auf dem rechten Bein schmerzt stark.
  • Die Bauchdecke ist angespannt und zieht sich bei Berührung ­zusammen (Abwehrspannung).
  • Druck auf den Unterbauch schmerzt stark, auch das ­Loslassen (Loslass-Schmerz).
  • Zu den typischen Symptomen zählen zudem Übelkeit, Appetitlosigkeit und Fieber. Kleinkinder, Schwangere und ältere Menschen haben oft untypische Beschwerden, die eher auf Verstopfung oder Lungenentzündung deuten.
  • Besteht der Verdacht auf eine Blinddarmentzündung: nicht ­zögern und einen Arzt aufsuchen! Sind die Schmerzen unerträglich, sollte man sofort zur Notauf­nahme einer Klinik fahren. Junge Patienten sind in einer Kinderklinik am besten aufgehoben.

Blinddarm oder blinder Alarm?

Doch was "unkompliziert" bei Blinddarmproblemen genau bedeutet, hat bisher niemand definiert. "Wissenschaftlich abgesicherte Kriterien dafür gibt es nicht", sagt Meyer. Schon die Diagnosestellung ist zudem tückisch. Die Frage, ob der nur wenige Zentimeter lange "Wurm" überhaupt entzündet ist, lässt sich oft nicht sicher beantworten: Nicht immer äußert sich der entzündete Blinddarm so, wie es im Lehrbuch steht. Ärzte messen daher Entzündungszeichen im Blut des Patienten und untersuchen dessen Bauch mit Ultraschall.

Allerdings ist auch darauf nicht immer Verlass. Oft stellt sich erst während des Eingriffs heraus: Es war blinder Alarm. Bei circa einem von zehn Patienten haben die Chirurgen im OP einen gesunden Appendix vor sich. "Bei Kindern ist die Diagnose noch schwieriger", sagt Dr. Tobias Schuster, Sprecher der Fachgesellschaft für Kinderchirurgie. "Bei den Kleinsten muss man an den Augen ablesen, ob der Druck auf den Bauch wehtut", so der Augsburger Kinderchirurg. Andere husten nur oder haben als Folge der Entzündung Verstopfung. Selbst im Ultraschall versteckt sich der "Wurm" öfter. Und er gilt als extrem launisch. Schnell kann aus einer vermeintlich harmlosen Entzündung ein drohender Durchbruch werden.

Schätzt man die Situation falsch ein und operiert nicht, kann es gefährlich werden. Das bedeutet aber nicht, dass Antibiotika keine sichere Alternative sind. Denn es gibt es einen Weg, die Treffsicherheit der Diagnose zu erhöhen: durch ein Computertomogramm (CT). Auch die Finnen erstellten für ihre Studie CTs.

Doch birgt das ein erneutes Risiko, denn jede Aufnahme bedeutet eine Dosis radioaktiver Strahlung. Die vermiedene OP bezahlt der Patient also mit einem minimal erhöhten Krebsrisiko. "Ein CT des Bauchraums, das nicht unbedingt sein muss, kommt bei Kindern auf keinen Fall infrage", betont Schuster. Und bei Erwachsenen? "Der Verdacht auf eine Blinddarmentzündung rechtfertigt für mich noch kein CT", so Meyer.

Antibiotika nicht immer geeignet

Ist eine Therapie mit Medikamenten nicht dennoch risikoärmer? Ohne Narkose, ohne Schnitt? In der finnischen Studie jedenfalls führten Antibiotika zu weniger Komplikationen als ein chirurgischer Eingriff. Der ­Anteil der Wundinfektionen nach ­einer OP lag bei 20 Prozent. In Deutschland jedoch fällt er wesentlich geringer aus. "Die Rate liegt hierzulande bei unter zehn Prozent", bestätigt Meyer. Ein Grund für diesen Unterschied ist wohl, dass die Ärzte in Finnland mit einem großen Bauch­schnitt operierten. In Deutschland dagegen gilt die Schlüssellochtechnik (Laparoskopie) als Standard: Ärzte entfernen den Blinddarm durch drei kleine Schnitte in der Bauchdecke. Das hinterlässt kleinere Narben, und Wundinfektionen sind seltener.

Das Fazit von Chirurg Schuster lautet daher: "Bei Kindern sind Antibiotika auf keinen Fall eine Alternative." Zu unsicher sei die Diagnose, zu groß die Gefahr, dass ein Fall falsch be­urteilt werde. Zu groß überdies die Angst der Eltern. Experte Meyer sieht die Medikamenten-Therapie ebenfalls kritisch: "Für die Routine ist das keine Option." Dazu wären auf jeden Fall weitere Studien nötig – die auch länger verfolgen, wie es den Patienten später geht. Ein weiteres Problem sieht er in der zunehmenden Zahl von Keimen, die gegen Antibiotika resistent sind. Infrage kommen die Medikamente für den Chirurgen daher nur bei Patienten mit weiteren Erkrankungen, die eine OP sehr riskant machen würden.

Die Antibiotika-Kur fällt bei den deutschen Chirurgen also durch. Zumindest vorerst. Schuster hält es dennoch für wichtig, unblutige Alternativen zu erforschen. Schon jetzt hat die Debatte seiner Meinung nach einen ­positiven Effekt – zeigen die Studien doch, dass ein gereizter Wurmfortsatz ohne OP nicht unbedingt in einer Katastrophe enden muss. Das stärke das Vertrauen in eine Therapie, die ohne Pillen und Skalpell auskomme. Bei einer leichten Entzündung ­raten Ärzte teilweise durchaus dazu abzuwarten, wie Experte Schuster erklärt: "Manchmal bekommt der Körper sie selbst in den Griff."



Bildnachweis: W&B/Schöttger, W&B/Swen Sallwey/Szczesny

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