Blasenentzündung heilt oft ohne Antibiotika

Bei Blasenentzündungen reichen häufig schmerzlindernde Mittel. Eine neue Studie liefert Argumente gegen die Standard-Verschreibung von Antibiotika bei der Krankheit

von Dr. Ralph Müller-Gesser, aktualisiert am 08.02.2016

Abwarten und Tee trinken: Für viele Frauen mit einer Blasenentzündung ein guter Rat

Shutterstock/ Patrizia Tilly

Nicht schon wieder ein Antibiotikum, stöhnt die Patientin und fragt, ob sie gegen ihre Blasenentzündung nicht etwas anderes nehmen könne. Sie habe von einer Studie gehört, derzufolge oft auch eine schmerzlindernde und entzündungshemmende Therapie reiche. "Das ist richtig", antwortet die Allgemeinärztin Professor Eva Hummers-Pradier. Die Hausärztin und Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen hat die Studie initiiert: "Unsere Ergebnisse belegen: Bei unkomplizierten Harnwegsinfekten sind Antibiotika nicht grundsätzlich nötig. Oft reicht eine symptomatische Behandlung."

Typische Beschwerden

Blasenentzündungen kennen viele Frauen: Mehr als 60 Prozent erleben mindestens einmal im Leben eine solche Infektion. Sie macht sich typischerweise mit ständigem Harndrang, heftigem Brennen beim Wasserlassen und Schmerzen im Unterbauch bemerkbar. Manchmal färbt auch ein bisschen Blut den Urin rot. Berichten Frauen von diesen Symptomen, zögern Ärzte nur selten: Meist greifen sie zum Rezeptblock und verschreiben Antibiotika, denn die versprechen eine rasche Besserung.

"Die unmittelbare Antibiotika-Behandlung deckt sich mit den gängigen Empfehlungen", berichtet Allgemeinarzt Privatdozent Dr. Guido Schmiemann. Neben seiner Praxistätigkeit forscht er an der Universität Bremen und war ebenfalls an der Studie beteiligt. Der Barmer-GEK-Arzneimittelreport 2015 zeigt: Fast 60 Prozent der Frauen, die wegen einer Blasenentzündung einen Arzt aufsuchen, erhalten ein Antibiotikum.

Mehr und mehr resistente Erreger

Doch Antibiotika machen den Medizinern inzwischen Sorgen. Resistente Bakterienstämme breiten sich aus und befallen zunehmend mehr Patienten. Antibiotika wirken gegen sie nicht mehr. Besonders schlimm: Das Problem betrifft auch schon jene Antibiotika, die eigentlich für schwere Infektionen und schwerstkranke Patienten vorgesehen waren. Beispiel Ciprofloxacin: Jahrelang wurde der Wirkstoff bei harmlosen Harnwegsinfekten verschrieben, so dass heute schätzungsweise 15 Prozent der Erreger resistent dagegen sind. Diese Entwicklung bestimmt inzwischen den Praxisalltag. "Gar nicht so selten ist es nötig, ein anderes Antibiotikum zu verschreiben, weil das erste nicht wirkt und die Beschwerden der Harnwegsinfektion anhalten", schildert Hummers-Pradier die Folgen für die Patientinnen.

Zudem können Antibiotika negative Auswirkungen haben: Sie kämpfen zwar gegen die Erreger der Harnwegsinfektion, schwächen aber zugleich die gesunde und wichtige Bakterienflora in Scheide und Darm. Unter Umständen ebnen sie daher den Weg für Pilzinfektionen und Magen-Darm-Probleme.


Zwei Drittel bräuchten kein Antibiotikum

Die aktuelle Studie aus Göttingen liefert nun gute Argumente, um diese Nebenwirkungen zu vermeiden und die Resistenz-Situation nicht weiter zu verschlimmern. "Unsere Untersuchung kann als Basis für eine Diskussion mit Patientinnen dienen, die kein Antibiotikum einnehmen möchten", sagt Hummers-Pradier. Die Wisschenschaftler haben festgestellt: In zwei Dritteln der Fälle heilen die Harnwegsinfektionen auch ohne Antibiotika aus. Dieser Weg eignet sich wohl vor allem für Frauen mit leichteren und mittleren Beschwerden. Die Studie macht ebenfalls deutlich: Ohne die bakterientötenden Mittel erleben Patientinnen die Beschwerden ihrer Blasenentzündung intensiver und länger.

Frauen, die bereit sind, das zu akzeptieren, können also zunächst einmal auf ein Antibiotikum verzichten. Sie sollten jedoch genau darauf achten, ob Symptome wie Fieber, Schüttelfrost oder Schmerzen in der Flanke hinzukommen. Denn die kündigen mitunter eine Nierenbeckeninfektion an. "Zwar sind solche Komplikationen bei Harnwegsinfekten insgesamt selten, aber sie kommen vor – und bei einer symptomatischen Therapie ein wenig häufiger als bei einer Antibiotika-Behandlung", bestätigt Schmiemann.

Neue Behandlungsempfehlungen angekündigt

Umso sinnvoller erscheint daher die "delayed prescription", wie sie in Großbritannien praktiziert wird: Dort geben Ärzte ihren Patientinnen eine Antibiotika-Verschreibung mit. Das Rezept lösen diese aber nur ein, wenn die Beschwerden länger anhalten oder sich verschlimmern. Das ist auch für die Neuauflage der Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) zum Thema "Brennen beim Wasserlassen" geplant. Leitlinien sind Behandlungsempfehlungen, die sich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen ableiten. Schmiemann erarbeitet die entsprechende DEGAM-Leitlinie gerade. Sie soll Ende des Jahres 2016 erscheinen. Darin wird der Behandlung ohne Antibiotika außerdem ein höherer Stellenwert eingeräumt. "Diese Option wird bereits in der aktuellen Leitlinie erwähnt, aber die neue Studie verleiht der Empfehlung natürlich deutlich mehr Gewicht", bestätigt Schmiemann.

Tipps, was sich ohne Antibiotika gegen eine Blasenentzündung tun lässt, bietet unser Ratgeber Blasenentzündung.


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