Shigellose (bakterielle Ruhr)

Die Shigellose (Shigellendysenterie, Shigellenruhr, Bazillenruhr, bakterielle Ruhr) ist eine Infektionskrankheit, die mit blutigen Durchfällen, Bauchkrämpfen, Fieber und Erbrechen einhergeht
von Dr. Markus N. Frühwein, 07.01.2014

Wichtige Hygienemaßnahme: Kinder – wie hier in Kenia – waschen sich die Hände

Corbis/Karen Kasmauski

Immer wieder kam es in der Geschichte zu großen Shigellose-Epidemien, besonders wenn die hygienischen Verhältnisse sehr schlecht und die Menschen durch Hunger und Armut geschwächt waren. Dies erklärt das gehäufte Auftreten der Shigellose in Kriegszeiten. Alleine während des amerikanischen Bürgerkriegs erkrankten mehr als eine halbe Million Menschen.

Ursachen: Wie steckt man sich an und wo kommt die Shigellose vor?

Der Erreger der Shigellose ist das gramnegative Bakterium Shigella (früher Shiga Bacillus), das sich in vier Serotypen unterteilen lässt: S.dysenteriae, S. flexneri, S.boydii und S. sonnei (früher Seroguppen A, B, C, and D). Alle bilden Giftstoffe, sogenannte Endotoxine. Ein Hauptfaktor für den schweren Verlauf einiger Infektionen ist das von S.dysenteriae gebildete Shiga-Toxin.

Namensgebend für den Erreger war sein Entdecker, der japanische Mikrobiologe Kiyoshi Shiga, der im Rahmen einer großen Shigelloseepidemie den Erreger 1897 erstmalig aus dem Stuhl von Erkrankten isolierte.

Der Magen-Darm Trakt des Menschen ist das beinahe einzige Reservoir für Shigellen. Daher findet die Übertragung normalerweise auf fäkal-oralem Weg von Mensch zu Mensch statt – meist über direkten Kontakt (zum Beispiel Hände schütteln). Auch über verunreinigtes Wasser und Nahrungsmittel sowie selten durch Fliegen, können sich Menschen infizieren. Betroffene sind ansteckend, solange sich der Erreger im Stuhl nachweisen lässt. Meist sind das ein bis vier Wochen.

Da schon kleinste Mengen des Erregers für eine Infektion ausreichen, können sich – besonders in Regionen mit niedrigen hygienischen Standards und mangelnder Abwasserversorgung – weitgreifende Epidemien entwickeln. Gerade wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, besteht ein Risiko dafür. In Indien und Afrika kommt es immer wieder zu schweren Epidemien mit vielen Todesfällen, besonders bei Kindern. Die Infektionen werden vorwiegend durch S. dysenteriae Typ 1 ausgelöst. Meist bleibt es jedoch nur bei kleineren Fallzahlen (endemisches Auftreten).

Die zirka eine Million Erkrankungen pro Jahr kommen fast ausschließlich in Entwicklungsländern vor. Nur etwa ein Prozent der Fälle findet sich auch außerhalb dieser Regionen. Die einzelnen Spezies unterliegen einer unterschiedlichen geographischen Verteilung: S. dysenteriae kommt vor allem in tropischen und subtropischen Regionen vor, S. boydii in Vorderasien sowie Nordafrika und S. sonnei in Mitteleuropa. S. flexneri ist weltweit verbreitet. Hierzulande treten die Erreger meist in Gemeinschaftseinrichtungen (zum Beispiel Pflegeheimen) auf, wenn Hygienemaßnahmen nicht ausreichend beachtet werden.

Da die heimischen Fälle vor allem durch S. flexneri, und S. sonnei ausgelöst werden, verläuft die Infektion meist nicht schwerwiegender als eine einfache Durchfallerkrankung. Denn beide Shigellenarten produzieren kein Shiga-Toxin.

Symptome: Wie äußert sich die Shigellose?

Grundsätzlich lässt sich der Erkrankungsverlauf in vier Phasen einteilen. Zwischen Infektion (Aufnahme des Erregers) und Krankheitseintritt (Auftreten von Symptomen) liegen typischerweise ein bis sieben Tage. Danach kommt es zu leichten Durchfällen sowie gelegentlich zu Fieber, Appetitlosigkeit, Krankheitsgefühl und Bauchkrämpfen. Bei diesen Symptomen kann es bleiben, wenn der Erreger kein Shiga-Toxin (siehe Abschnitt Ursachen) bildet. In schwereren Fällen kommt es jedoch innerhalb kurzer Zeit (Stunden bis Tage) zu andauernden wässrigen, blutig-schleimigen Durchfällen (Dysenterie). Der durch die Durchfälle verursachte Flüssigkeits- und Salzverlust kann zu Austrocknung, Nierenversagen, Krämpfen, Kreislaufkollaps und sogar zum Koma führen.

Besonders für immungeschwächte Menschen (zum Beispiel durch Krankheit oder Mangelernährung) und Kinder ist die Infektion gefährlich. Schwerwiegend kann die bakterielle Ruhr verlaufen, wenn sie durch S.dysenteriae hervorgerufen wird, welches das Shiga-Toxin bildet. Tödliche Verläufe sind in Entwicklungsländern unter diesen Umständen häufig.

Selten entwickeln sich schwere Komplikationen wie das toxische Megacolon oder das hämolytisch urämische Syndrom (HUS). Beim toxischen Megacolon verursacht die schwere Entzündung der Darmwand eine Lähmung der Darmtätigkeit sowie eine massive Ausweitung des Darms, die zu Darmdurchbrüchen führen kann. Das HUS kann – bei Infektionen mit S.dysenteriae – durch das Shiga-Toxin Nierenversagen auslösen, wie es in Deutschland von EHEC-Infektionen bekannt ist.

Besonders nach einer Infektion mit S.flexneri kann es als Folgeerkrankung zur sogenannten postinfektiösen Arthropathie (Reiter-Syndrom) kommen. Dieses Syndrom, für das es eine bestimmte Veranlagung gibt, geht mit teilweise Monate bis Jahre anhaltenden Gelenks-, Augen- und Harnwegsentzündungen einher.

Diagnose: Wie lässt sich die Shigellose feststellen?

Bei der Diagnosestellung sind, aufgrund des relativ seltenen Auftretens außerhalb von Entwicklungsländern, vor allem kürzlich erfolgte Auslandsaufenthalte zu berücksichtigen. Wer nicht in einem entsprechenden Reiseland unterwegs war, bei dem kommen andere Krankheiten (zum Beispiel Salmonellen-Infektion, Morbus Crohn) deutlich häufiger als Auslöser in Betracht – auch wenn die Symptome zu einer Shigellose passen. Liegt diese vor, lassen sich in einer Stuhlprobe Entzündungszellen und Blutzellen mikroskopisch nachweisen. Im Labor kann der Erreger durch bakteriologische Anzucht identifiziert werden.

Therapie: Wie lässt sich die Shigellose behandeln?

Grundsätzlich sollte eine Infektion mit Shigellen antibiotisch behandelt werden. Mittel der Wahl ist der Arzneistoff Ciprofloxacin. Auch andere Antibiotika (zum Beispiel Ceftriaxone, Azithromycin) kommen infrage. Ein Problem ist die Entwicklung von Resistenzen gegen einzelne Antibiotika. Medikamente, die Durchfälle stoppen (zum Beispiel Loperamid), sollten Erkrankte nicht verwenden. Wichtig: Betroffene sollten ausreichend viel trinken, gegebenenfalls auch vorgefertigte Elektrolytlösungen. Die krampfartigen Bauchschmerzen können Patienten – in Absprache mit dem Arzt und wenn keine Gegenanzeigen bestehen – mit dem Krampflöser N-Butylscopolamin bekämpfen. In schweren Fällen ist ein Krankenhausaufenthalt unumgänglich.

Vorbeugen: Wie kann man sich vor der bakteriellen Ruhr schützen?

Der beste Schutz vor einer Infektion ist eine effektive Händehygiene – also regelmäßig die Hände gründlich mit Seife waschen und gegebenenfalls auch desinfizieren. Dies gilt insbesondere vor dem Zubereiten von Speisen und nach dem Toilettengang. Außerhalb von Entwicklungsländern ist das Risiko, an einer Shigellose zu erkranken, außerordentlich gering.

Shigellen sind für zirka fünf bis zehn Prozent der akuten Reisedurchfälle verantwortlich. Urlauber, die sich in entsprechenden Endemiegebieten in Afrika und Asien aufhalten, sollten unbedingt darauf achten, dass Speisen unter hygienischen Bedingungen zubereitet werden. Außerdem sollten sie nur sauberes Trinkwasser zu sich nehmen. Dies erfolgt am besten aus originalverschlossenen Flaschen, gegebenenfalls auch durch chemische oder ultraviolette Aufbereitung. Wer plötzlich an blutigen oder schleimigen Durchfällen mit Fieber leidet, sollte umgehend einen Arzt aufsuchen, der ein Antibiotikum verabreicht. Ein Impfstoff steht aktuell nicht zur Verfügung.

Autor und Experte: Dr. med. Markus Frühwein

W&B/Privat

Autor und Experte: Dr. med. Markus Frühwein, Vorstand der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen e.V.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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