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Wieder schmerzfrei mit künstlichem Hüftgelenk

Der Einsatz von Hüftprothesen hat sich seit Jahrzehnten bewährt. Eine Operation, die ein ganzes Gelenk ersetzt, will trotzdem gut überlegt sein. Professor Thorsten Gehrke, Ärztlicher Direktor der ENDO-Klinik Hamburg, antwortet auf wichtige Fragen


Endlich wieder ohne Schmerzen gehen – manchmal ist das nur mit einem künstlichen Hüftgelenk zu erreichen

Das Hüftgelenk ist das meistbelastete Gelenk im menschlichen Körper, denn es muss beinahe das gesamte Körpergewicht tragen. Insbesondere im höheren Alter machen sich häufig Schmerzen durch Verschleiß (Arthrose) bemerkbar. Für die Betroffenen oft ein harter Schlag. Viele müssen auf Schmerzmittel zurückgreifen, manche auch große Abstriche in ihrer Bewegungsfreiheit machen.

Neben Krankengymnastik, orthopädischen Hilfen, physikalischer Therapie und Medikamenten kommt als Behandlungsmöglichkeit bei Hüftgelenksarthrose auch ein Kunstgelenk – eine Hüftprothese – infrage. Mit rund 200.000 Behandlungen pro Jahr zählt diese Hüftoperation längst zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen. Die Technik hat sich in den letzten Jahrzehnten konstant verbessert – die heutigen Hüftendoprothesen lassen Patienten für viele Jahre vergessen, dass es nicht ihr eigenes Gelenk ist, das sie in sich tragen.

Bei aller Routine sind dennoch große operative Erfahrung und chirurgisches Geschick gefragt. Und kein Engriff ist frei von Risiken, Komplikationen können immer vorkommen. Professor Thorsten Gehrke ist ärztlicher Direktor und Chefarzt der Orthopädie- und Chirurgie-Abteilung der ENDO-Klinik in Hamburg. Als Spezialist für Hüft- und Knieprothesen erzählte er uns im Interview, auf was es bei der anspruchsvollen Operation ankommt:


Wann ist ein guter Zeitpunkt für ein künstliches Hüftgelenk?

Professor Thorsten Gehrke: Ich werde häufig von Patienten gefragt, ob und wann sie eine Hüft-OP vornehmen lassen sollen. Darauf kann ich nur antworten, dass das jeder für sich selbst entscheiden muss. Die Operation ist zu jedem Zeitpunkt möglich, es gibt keinen Zeitpunkt, den man verpassen könnte. Die Antwort auf die Frage lautet daher: Der richtige Zeitpunkt ist dann, wenn der Betroffene für sich entschieden hat, dass seine Lebensqualität so eingeschränkt ist, dass er so nicht weiterleben kann.

Gibt es ein Mindest- oder Höchstalter für den Eingriff?

Thorsten Gehrke: Früher wurden künstliche Hüftgelenke nicht unter einem Alter von 60 Jahren empfohlen, was unter anderem auf die damals noch relativ begrenzte Haltbarkeit der Prothesen zurückzuführen ist. Die Techniken, die Materialien und das Know-how haben sich aber in den letzten zehn bis zwanzig Jahren so entscheidend verbessert, das die heutigen Kunstgelenke leicht bis zu 20 Jahre und mehr halten. Sie können daher prinzipiell in beinahe jedem Alter eingesetzt werden.


Wie stark muss das Gelenk abgenutzt sein, damit die OP genehmigt wird?

Thorsten Gehrke: Der Grad der Abnutzung ist für den Eingriff nicht entscheidend. Natürlich müssen die Beschwerden im Zusammenhang mit dem Hüftgelenk stehen, dabei spielt es aber keine Rolle, wie stark das Gelenk verschlissen ist. Umgekehrt bedingt eine massive Abnutzung nicht zwingend eine Operation. Letzten Endes ist immer der Leidensdruck des Betroffenen entscheidend.

Wie lange bin ich in Behandlung?

Thorsten Gehrke: Nach der Hüftoperation bleiben die Patienten erst eine Woche stationär bei uns, danach werden sie zur Reha abgeholt und bleiben etwa drei Wochen dort. Nach insgesamt vier Wochen ist zu erwarten, dass sich die Patienten wieder ohne Weiteres selbst versorgen können – die meisten können dann sogar schon wieder ohne Gehhilfen laufen. Natürlich ist aber eine gewisse Anpassung nötig. Zum Beispiel sollten sie auf das Tragen von Getränkekisten und anderen schwereren Lasten erst einmal verzichten.

Welche Ausfallzeiten muss ich nach der Operation einplanen?

Thorsten Gehrke: Bei körperlichen Tätigkeiten planen Sie etwa drei Monate Pause ein. Wenn Sie im Büro arbeiten, rechnen Sie mit etwa ein bis zwei Monaten Ausfallzeit.



Es gibt unterschiedliche Arten von Hüftprothesen. Bei der Total-Endoprothese werden Oberschenkelkopf und -hals ersetzt. Der Prothesenschaft wird tief im Oberschenkelknochen verklemmt oder zementiert

Was steckt hinter der Operation?

Thorsten Gehrke: Das Hüftgelenk besteht aus Hüftkopf und Hüftpfanne. Dazwischen befindet sich eine knorpelige Gleit- und Schutzschicht. Diese Schicht baut sich durch Abrieb und verschiedene Alterungsprozesse nach und nach ab – bei den einen langsamer und bei anderen eben schneller. Wenn schließlich die Knorpelschicht weit heruntergerieben ist oder gar Knochen auf Knochen trifft, können auch Hüftkopf und Hüftpfanne in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Betroffenen merken das daran, dass sie ihre Hüfte immer schlechter und nur unter Schmerzen bewegen können.

Bei der Operation wird das Hüftgelenk vollständig ersetzt: Nach dem Eingriff bewegt sich meistens ein Keramik-Hüftkopf in einer Pfanne aus Polyethylen-Kunststoff. Die verwendeten Materialien haben sich in den letzten Jahren enorm verbessert und sind heute wesentlich härter und hochwertiger. Früher hörte man noch häufig von Brüchen oder Problemen durch Abrieb – damit haben wir heute aber kaum noch zu kämpfen.

Wie wird das neue Gelenk am Knochen befestigt?

Thorsten Gehrke: Grundsätzlich wird zwischen zwei Möglichkeiten der Befestigung unterschieden: Eine Methode ist, das Gelenk mit Knochenzement in den Hüftknochen und das Becken einzukleben. So machen wir es vor allem bei Patienten im höheren Alter. Bei der anderen Methode wird das Gelenk ohne Zement verankert. Der Stiel des Hüftkopfes wird in den Hüftknochen geschlagen und die Pfanne in das Becken verkeilt. In den nächsten Wochen wächst der Knochen schließlich in das Kunstgelenk ein und hält es zusätzlich fest. Bei beiden Methoden muss der Knochen hochgenau durch Raspeln und Fräsen vorbereitet werden, bis schließlich die Prothese in das Knochenbett eingesetzt wird. Der Patient selbst merkt davon rein gar nichts.

Wie ist die Erfolgsquote der Hüftoperation?

Thorsten Gehrke: Die Hüftendoprothetik ist einer der dankbarsten Eingriffe der Chirurgie. Mehr als 98 Prozent aller Empfänger eines künstlichen Hüftgelenks sind im Anschluss voll zufrieden! Obwohl die Operation sehr aufwändig ist, entstehen den Patienten so gut wie keine Schmerzen. Zwar bekommen sie an den ersten Tagen noch Schmerzmittel, jedoch sind sie in der Regel sehr schnell vollkommen beschwerdefrei.

Wie lange darf das Bein nicht belastet werden?

Thorsten Gehrke: Das hängt davon ab, wie das Hüftgelenk befestigt wurde. Ist es in den Knochen eingeklebt worden, kann es im Prinzip sofort nach der OP voll belastet werden. Der verwendete Knochenzement ist chemisch gesehen identisch mit Plexiglas (PMMA) und härtet innerhalb von 15 Minuten voll aus. Wurde das Hüftgelenk eingeschlagen, muss nochmals zwischen zwei „Philosophien“ des Eingriffs unterschieden werden: 50 Prozent der Kollegen schlagen das Gelenk gleich so fest ein, dass es sofort hält. Die andere Hälfte möchte dem Knochen noch etwas Zeit geben, in das Metall der Prothese, die hier in der Regel aus Titan besteht, einzuwachsen. In diesem Fall dürfen die Patienten ihr Bein drei bis vier Wochen lang nur mäßig belasten.

Wann und wie lange geht es in die Reha?

Thorsten Gehrke: Nach einer Woche Klinikaufenthalt können die Patienten zwischen ambulanter oder stationärer Reha wählen: Bei der ambulanten Reha wird der Patient nach Hause entlassen und täglich für vier bis sechs Stunden ins Reha-Zentrum abgeholt. Meist sind es Patienten unter 70, die sich für die ambulante Therapie entscheiden, weil sie in den eigenen vier Wänden sein wollen oder der Ehepartner zuhause ist. Hinzu kommt, dass bei jüngeren Patienten die Knochenqualität meist noch sehr gut ist, weshalb sie nach der OP weniger Unterstützung benötigen.

75 Prozent der Patienten entscheiden sich aber nach wie vor für die stationäre Reha. Sie werden direkt nach der Klinik abgeholt und verbringen dann drei Wochen im Reha-Zentrum, wo sie täglich etwa zwei bis drei Stunden die Behandlungen mitmachen. Die stationäre Therapie wird eher von älteren Patienten bevorzugt, weil sie mehr auf Hilfe angewiesen sind als jüngere.

Wovon hängt die Heilungsdauer ab?

Thorsten Gehrke: Es kommen alle etwa gleich schnell wieder auf die Beine – jung wie alt, ambulant wie stationär. Nur in seltenen Fällen ist die Heilung beispielsweise durch Diabetes oder eine Fettstoffwechselstörung leicht verzögert. Bei ein bis drei Prozent der Patienten liegen außerdem extreme Veränderungen des Gelenks durch Verschleiß oder frühere Operationen vor, die eine vollständige Rehabilitation etwas hinauszögern können.

Wie viel kostet der Eingriff?

Thorsten Gehrke: Die Gesamtkosten für eine Hüft-OP belaufen sich auf 6.500 bis 7.000 Euro – im Ländervergleich ist die Operation in Deutschland damit extrem günstig. Der Eingriff inklusive der Kosten für die Reha wird aber üblicherweise sowohl von den gesetzlichen wie auch von den privaten Kassen übernommen.



Bastian Fersch / www.apotheken-umschau.de; 22.09.2011
Bildnachweis: W&B/Jörg Neisel, W&B/Jan Greune

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