Aromatherapie: Wie Duftstoffe wirken

In der Naturheilkunde haben ätherische Öle ihren festen Platz. Wie Forscher die Effekte einschätzen und wie Sie zu Hause die Aromatherapie anwenden können

von Michael Aust, Nadja Katzenberger, aktualisiert am 21.07.2015

Die Aromatherapie gilt als uralte Heilmethode

Getty Images/John Clutterbuck

Die Stoffe, mit denen Forscher in den Laboren der Fakultät für Biologie und Biotechno­logie der Ruhr-Universität Bochum hantieren, befinden sich in kleinen braunen Flakons oder langen weißen Spritzen. Die Bochumer untersuchen, ob und wie Krebszellen auf bestimmte Düfte reagieren. "Wir arbeiten an über zehn verschiedenen Zelltypen", sagt Professor Hanns Hatt, Inhaber des Lehrstuhls für Zellphy­siologie an der dorti­gen Universität. Das Thema Duftstoffe, glaubt der Forscher, besitze nicht nur in der Krebsmedizin ein "hohes Zukunfts­potenzial".

Die Wirkung von Veilchenduft und Maiglöckchenaroma

Hatt und seine Kollegen zeigten vor ein paar Jahren, dass eine chemi­sche Komponente aus dem Veilchenduft (Beta-Jonon) das Wachstum von Prostata-Karzinomzellen in der Zellkultur verringert. Eine Studie von 2005 belegt, dass synthetisches Maiglöckchen-Aroma die Geschwindigkeit und Richtung von Spermien beeinflusst. Forscher vom Anatomischen Institut der Universität München wiesen nach: Zellen in der Darmwand re­agieren auf den Duftstoff Thymol, das Hauptaroma des Thymians, und schütten Substanzen aus, welche die Darmbewegungen verändern.


Professor Hanns Hatt ist Duftforscher am Institut für Zellphysiologie in Bochum

W&B/Selina Pfrüner

Es scheint, als würde durch molekularbiologische Forschung eine uralte Heilkunst bestätigt, die in der Schulmedizin lange belächelt wurde: die Aromatherapie. Manche ihrer Effekte sind seit Langem bekannt. "Einige ätherische Öle wirken stark auf Pilze, Bakterien und sogar Viren", berichtet Hanns Hatt. "Dazu werden sie unter anderem von den Pflanzen produziert: als Abwehrstoffe gegen Fremdlinge."

Teilweise unklare Studienlage

Trotzdem ist die Aromatherapie nicht in der Schulmedizin angekommen. Zwar setzen Kliniken Aromen immer häufiger als ergänzen­de Heilverfahren ein – etwa bei schlecht heilenden Wunden oder antibiotikaresistenten Keimen, gegen die Nebenwirkungen von Chemotherapien, bei Geburten oder in der palliativen Medizin. Doch als Arznei ziehen die meisten Mediziner synthetische Medikamente vor.

"Das liegt daran, dass immer noch zu wenige beweiskräftige klinische Studien zu Wirksamkeit, Unverträglichkeit und Kosten vorliegen", sagt Professor Dieter Melchart, Leiter des Kompetenzzentrums für Komplementärmedizin und Naturheilkunde an der Technischen Universität (TU) München.

Wirken ätherische Öle krebshemmend?

Es gebe zwar vereinzelte hochwertige Untersuchungen, die zeigen, dass Duftstoffe gegen Angst und Schmerzen, Depression, Schlafstörungen oder Übelkeit wirken. Doch die positiven Effekte ließen nach kurzer Zeit nach. Und krebsheilende Wirkungen von Aromen seien beim Menschen nicht nachgewiesen. Andere Fachleute deuten die Stu­dienlage optimistischer. "Ätherische Öle wirken antioxidativ, können freie Radikale abfangen und Entzündun­gen bekämpfen", sagt Dietrich Wabner, emeritierter Professor für Chemie an der TU München.

Das sei möglicherweise der Grund dafür, dass sie angeblich krebshemmend wirken können. Tatsächlich zeigten japani­sche Forscher 1995, dass Eukalyptusöl bei beginnendem Hautkrebs den Tumor hemmt – bei Mäusen. Aller Grundlagenforschung zum Trotz sei die Aromatherapie "noch ­eine Erfahrungsmedizin, in der sich viele Esoteriker tummeln", meint Hanns Hatt. Doch das müsse nicht so bleiben: "Mit Methoden, die heute zur Verfügung stehen, können einige der Befunde der Aromathe­rapie zunehmend wissenschaftlich bestätigt werden", so Hatt.


Duftstoffe wirken auf Schleimhäute

Wie Duftstoffe wirken, wird immer klarer. Bekannt ist, dass sie in der Riechschleimhaut der Nase mittels Rezeptoren Impulse auslösen, die über Nervenbahnen in Regionen des Gehirns geleitet werden, die unter anderem an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind. So erklären sich einige Aroma-Wirkungen auf die Psyche.

Die Moleküle gelangen auch durch die Schleimhäute von Nase und Bronchien sowie durch die Haut ins Blut. Für Gardenia Acetal, einem nach Jasmin duftenden Stoff, belegte eine Studie der Bochumer Forscher, dass es im Gehirn die gleichen Rezeptoren anspricht wie Barbiturate und Benzodiazepine. Zumindest bei Mäusen wirkt das schlaffördernd und angstlösend.

Kürzlich konnten die Bochumer Wissenschaftler in einer weiteren Studie sogar zeigen, dass menschliche Hautzellen direkt auf Sandalore-Duft reagieren. Besprüht man sie damit, erhöhen sie die Teilungs­rate und wandern schneller – beides ist für die Wundheilung und Haut­erneuerung wichtig. Das bewirken Riechrezepto­ren auf der Haut.

Ätherische Öle haben komplexe Wirkung

Dass die Wirkweise von Aromen in wissenschaftlichen Studien nur sehr langsam ermittelt werden kann, liegt wahrscheinlich daran, dass ätheri­sche Öle – anders als die meisten chemischen Arzneien – nicht aus ei­nem, sondern aus vielen unter­schied­­lichen Einzelstoffen bestehen. Diese Kompexität erschwere die Forschung, meint der Chemiker Wabner.

Hatt glaubt, dass die Aromatherapie in Zukunft noch von sich reden machen könnte – weil mehr und mehr Wirkungen entschlüsselt werden. "Wir kennen nur den Mechanismus noch nicht."


So nutzen Sie die Aromatherapie zu Hause

Wenn Sie Aromatherapie selbst ausprobieren möchten, geht das am einfachsten mit dem Klassiker: der Duftlampe. Wasser in die Schale geben, einige Tropfen Öl dazu und das Teelicht darunter anzünden – schon duftet es im Raum entspannend nach Lavendel oder erfrischend nach Zitrone. Noch einfacher geht es mit einem elektrischen Diffusor oder Raumbedufter. Beachten Sie Gebrauchs- und Pflegehinweise.

Sie können Ihre Öle natürlich auch anders nutzen. Zum Beispiel in der Badewanne: Nach einem stressigen Tag beruhigt ein Vollbad mit einigen Tropfen Lavendel-Öl. Wer eine Erfrischung braucht, nimmt Grapefruit oder Orange. Doch das Öl einfach ins Wasser zu träufeln, bringt nichts. "Ätherische Öle sind lipophil, das heißt, sie brauchen Fett, um ihre Wirkung zu entfalten", erklärt Ingeborg Stadelmann, Aromatherapeutin in Kempten und Präsidentin des Vereins Forum Essenzia. Vor dem Baden sollte man sieben bis zehn Tropfen Öl deshalb in einer Schale mit einem Emulgator vermischen – zum Beispiel mit einem neutralen Duschgel, Honig oder Sahne. Mindestens zwei Esslöffel sollten es sein, wer seine Haut besonders pflegen will, nimmt mehr. Achtung: Bei Krampfadern, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fieber oder einer Infektion bitte vorab mit dem Arzt besprechen, ob ein Vollbad erlaubt ist.

Einfach zum eigenen Naturparfum

Reine ätherische Öle sollten nicht in direkten Kontakt mit der Haut oder Schleimhaut kommen, da sie diese stark reizen können. Egal, ob für (größere) Kinder oder Erwachsene gedacht: Ätherische Öle immer nur verdünnt (bei Kindern noch stärker verdünnt), also niemals pur anwenden. Mit Jojobawachs verdünnte Öle kann man auch für Einreibungen oder Massagen verwenden. Oder man benutzt diese Mischung wie Parfum, gibt einen Tropfen auf Schläfe, Dekolleté oder die Innenseite des Handgelenks. Geht zum Beispiel auch, wenn man das Öl mit Alkohol versetzt. Wer mag, kann sich auch ein "Duftfleckerl" machen und einige Tropfen auf ein Stück Stoff geben und zum Beispiel neben das Kopfkissen legen. Stadelmann rät davon ab, das Öl direkt auf die Bettwäsche zu träufeln, die Flecken lassen sich nicht wieder entfernen.


Die wichtigsten Öle: Das sollten Sie wissen

  • Aromatherapie
    istock/People Images

    Lavendel

    Die entspannte und beruhigende Wirkung von Lavendel ist in mehreren Studien belegt. Das gilt aber nur für den echten Lavendel (Lavendula officinalis). Stadelmann rät davon ab, Hybrid-Öle zu benutzen, wie zum Beispiel Lavandin (Lavendula hybrida), eine Kreuzung aus echtem Lavendel und Speik-Lavendel. Diese Öle sind günstiger als die reinen Varianten, aber weniger gut verträglich.

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  • ROSE
    REUTERS / KHALED AL-HARIRI

    Rose
    Das ätherische Öl der Rose gehört zu den teuersten Konzentraten überhaupt, man sollte es sehr sparsam dosieren und zum Beispiel in der Duftlampe maximal einen Tropfen verwenden. Günstiger und genauso gut: Mit Jojobawachs verdünntes Rosenöl. Drei Tropfen in der Duftlampe wirken ausgleichend und harmonisierend.

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  • Aromatherapie
    Laif/Markus Kirchgessner

    Bergamotte
    Der Klassiker für die Duftlampe: Bergamotte-Öl hebt die Stimmung, der fruchtig-zitronige Duft eignet sich deshalb besonders für graue Herbst- und Wintertage. Doch Vorsicht, das Öl wirkt phototoxisch, erhöht also die Lichtempfindlichkeit der Haut: Gerät es auf die Haut und in Kontakt mit der Sonne, können Flecke oder auch Verbrennungen die Folge sein.

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  • Aromatherapie
    istock/Mark Higgins

    Eukalyptus
    Sein frischer, nach Kampfer riechender Duft befreit die Atemwege und wirkt wohltuend bei Erkältungen. Allerdings sollten Babys und Kleinkinder das Konzentrat nicht inhalieren beziehungsweise das ätherische Öl sollte bei ihnen nicht in Kontakt mit dem Gesichtsbereich kommen. Auch Schwangere und Asthmatiker sollten es meiden. Mögliche Alternativen sind Cajeput (außerhalb der Schwangerschaft) oder auch Niaouli: "Sie riechen angenehm, sind gut verträglich und eignen sich bestens in Erkältungszeiten", sagt Stadelmann. Die Aromen aus einer Duftlampe mit drei Tropfen Cajeput- oder Niaouli-Öl können Schnupfennasen erfrischen und antiseptisch wirken.

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  • Aromatherapie
    Imago Stock & People/CHROMORANGE

    Neroli
    Ein kostbares Öl – eine Tonne feinster Orangenblüten ist nötig, um einen Liter Neroli-Öl herzustellen. Auch hier rät Stadelmann zur verdünnten Variante. "Ein bis zwei Tropfen in die Duftlampe geben, der zarte, blumige Duft wirkt stimmungsaufhellend." Außerdem kann Neroli bei Ängsten zur Beruhigung beitragen: Zum Beispiel bei Kindern, die Angst vor der Schule oder einer Klassenarbeit haben. Ein kleines Stück Stoff mit ein, zwei Tropfen Neroli-Öl ("Duftfleckerl") im Federmäppchen beruhigt bei einigen die Nerven.

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Doch Vorsicht, ätherische Öle sind nicht so harmlos, wie die kleinen Fläschchen vermuten lassen. Falsch dosiert oder falsch gelagert können sie die Schleimhäute reizen oder Kopfschmerzen verursachen.

Drei Regeln sollten Sie deshalb beachten:

1. Frische Öle verwenden

Ätherische Öle halten nicht ewig: "Wenn Sie eine neue Flasche öffnen, notieren Sie darauf immer das Datum", rät Stadelmann. Die geringste Haltbarkeit hat Teebaumöl – Sie sollten das Öl innerhalb von sechs Monaten aufbrauchen oder die angebrochene Flasche dann entsorgen. Fruchtige Öle wie Zitrone, Grapefruit oder Orange halten bis zu einem Jahr, Kräuteröle (Kamille, Lavendel, Eukalyptus) etwa zwei Jahre. Öle, die ihre Haltbarkeit überschritten haben, oxidieren und können zu starken Schleimhautreizungen führen. Leider riecht man nicht, ob das Öl kaputt ist. Bei sehr alten Ölen kann man es sehen: Dann frisst es sich zum Beispiel in den Flaschendeckel hinein. Ab in die Mülltonne damit!
Achten Sie bei neuen Ölen darauf, dass der Deckel immer fest verschlossen ist und bewahren Sie die Fläschchen an einem dunklen Ort auf. Zu viel Wärme (Fensterbank!) oder Kälte (Kühlschrank!) sind nichts für die empfindlichen Konzentrate. Auch in Kinderhänden haben sie nichts zu suchen.

2. Behutsam dosieren

Am besten gibt man einige Tropfen Öl in die Duftlampe oder den elektrischen Raumbedufter (Diffusor) und verlässt das Zimmer. "Kommt man dann zurück und es riecht sehr stark, war die Dosis zu hoch", erklärt Ingeborg Stadelmann. Maximal drei Tropfen reichen, bei Ölen wie Rose oder Kamille sogar nur einer. Der Duft des Öls sollte immer nur zart wahrnehmbar sein, an der sogenannten Riechschwelle. Nach etwa zehn Minuten nimmt man den Geruch meist gar nicht mehr wahr, das ist normal.

3. Duftpausen einlegen

Stadelmann rät: "Beduften Sie in Intervallen!" Das bedeutet: Die Lampe oder den Diffusor nur für etwa 30 Minuten duften lassen und dann wieder ausstellen. Der Nase genügen diese Phasen, sie reagiert nicht ständig auf Duftreize. Sinnvoll ist es auch, einzelne Räume zu beduften, zum Beispiel das Schlafzimmer mit Lavendel vor dem Schlafengehen. Gut zu wissen: "Duftlampen haben  keinen sehr großen Radius – etwa zwei bis drei Meter – in einem großen Raum erreicht man daher nur einen kleinen Bereich", sagt Stadelmann. Wer mehrere Stellen beduften möchte, sollte Lampe oder Diffusor ab und zu an einem anderen Platz aufstellen – und dann wieder eine Duftpause einlegen.

Ätherische Öle können auch schädlich wirken

Eukalyptus, Salbei oder Rosmarin zum Beispiel enthalten sogenannte Ketone, die bei unsachgemäßem Gebrauch die Leber schädigen können. Für Babys und Kleinkinder sowie Asthmatiker sind diese und andere ätherische Konzentrate (selbst in verdünnter Form) wegen möglicher Atemprobleme nicht zum Inhalieren geeignet. Von manchen ätherischen Ölen sollten Schwangere Abstand nehmen, da nicht ausgeschlossen ist, dass sie eine Fehlgeburt auslösen können. "Kaufen Sie keine billigen Öle und lassen Sie sich immer beraten, zum Beispiel in der Apotheke", rät die Aromatherapeutin Stadelmann. Das gilt auch für den Kontakt mit der Haut: Verdünnte Öle schaden ihr nicht, reine Öle sind wegen starker Reizungen problematisch. Auch allergische Reaktionen kommen vor. Wer seine Haut mit Aromatherapie pflegen möchte, sollte eine Pflegeserie mit ätherischen Ölen ausprobieren, aber nicht selbst experimentieren.



Bildnachweis: Laif/Markus Kirchgessner, istock/People Images, Imago Stock & People/CHROMORANGE, Getty Images/John Clutterbuck, W&B/Selina Pfrüner, REUTERS / KHALED AL-HARIRI, istock/Mark Higgins

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