Terror und Amok: „Ohne Angst gibt es keinen Mut“

Terroranschläge und Amokläufe machen Menschen Angst. Das ist genau das, was die Täter damit bezwecken möchten. Der Psychologe Gerd Gigerenzer erklärt, wie wir lernen, Bedrohungen richtig einzuschätzen

von Saskia Dittrich, aktualisiert am 23.07.2016

In Alarmbereitschaft: Polizeipräsenz ruft ein mulmiges Gefühl hervor

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Die Terrorgefahr rückt gefühlt näher. War 9/11 noch eine Schreckensnachricht von einem anderen Kontinent, trafen die Attentate von Paris, Brüssel und Nizza einen direkten Nachbarn Deutschlands. Der Amoklauf von München hinterlässt Entsetzen und Verwirrung. Menschen haben Angst und machen sich Sorgen um ihre Nächsten. Wie sie im Alltag mit dieser diffusen Bedrohung umgehen sollten, erklärt Professor Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut in Berlin.


Unser Experte: Psychologe Professor Gerd Gigerenzer

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Herr Professor Gigerenzer, muss ich mich vor jedem verlassenen Koffer am Bahnhof fürchten? Was kann ich gegen solche diffusen Ängste tun?

Denken Sie nach, wo die Angst herkommt. Und dann können Sie sich klarmachen, dass es jetzt viele falsche Alarme geben wird. Die Aufmerksamkeit der Menschen für verdächtige Objekte, wie Rucksäcke und Koffer, ist derzeit besonders hoch. Und daher wird es auch mehr Alarme geben. Das kann helfen, sich nicht ständig verunsichern zu lassen.

Kann es sein, dass ich Angst habe, ohne es zu merken?

Ja, es ist wahrscheinlich, dass viele Menschen unterschwellig etwas Angst haben. Auch wenn man es nicht immer zugibt. Das ist aber nichts Negatives. Es ist auch die Chance, Mut zu beweisen. Ohne Angst können Sie keinen Mut haben. Den Mut, nicht zu Hause zu bleiben und trotzdem auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Es ist nichts sicher in unserer Welt. Man muss immer Risiken eingehen, insbesondere wenn man unsere Demokratie, unsere Freiheitsrechte verteidigen möchte. Und es gibt viel größere Risiken, die Menschen oft freiwillig eingehen. Oder auch unfreiwillig. Man schätzt zum Beispiel, dass die Anzahl der Toten durch Passivrauchen in Deutschland schon in der Größenordnung von 3000 pro Jahr liegt. Das ist eine beträchtliche Anzahl und damit ein viel größeres Risiko als bei einem Terroranschlag umzukommen.

Warum haben wir dann vor Terror mehr Angst als zum Beispiel vor den Folgen des Passivrauchens?

Es gibt ein psychologisches Prinzip. Das ist die Angst vor sogenannten Schockrisiken. Das sind Situationen, in denen viele Menschen zu einem Zeitpunkt ums Leben kommen. Terroranschläge erfüllen dieses Muster. Wenn genauso viele Menschen oder mehr über ein Jahr verteilt ums Leben kommen, zum Beispiel durch Rauchen oder Autounfälle, löst das nur wenig Angst in uns aus. Auch wenn terroristische Anschläge in einem Land immer wieder passieren, aber jeweils nur ganz wenige Menschen umkommen, nimmt man das als weniger bedrohlich wahr. Es hilft, wenn man dieses Muster der eigenen Angst vor Schockrisiken erkennt.

Abgesehen vom Unbehagen beim Anblick eines verlassenen Koffers: Wie kann sich Angst vor Terror noch äußern?

Terroristen schlagen zweimal zu. Das eine Mal beim Erstschlag, dem eigentlichen Terroranschlag, mit physischer Gewalt. Und dann noch ein zweites Mal durch die Angst, die wir nach dem Anschlag haben. Beim Angriff auf das World Trade Center zum Beispiel sind etwa 3000 Menschen gestorben. Danach hatten viele Menschen Angst, in ein Flugzeug zu steigen, und sind lieber Auto gefahren. Ich habe die Verkehrsstatistiken analysiert. Als Konsequenz der Angst vor dem Fliegen sind noch einmal etwa 1600 Amerikaner bei Verkehrsunfällen auf der Straße gestorben. Also 1600 mehr als in den Jahren zuvor. Das ist ein Beispiel für den Zweitschlag, der über unsere Angst funktioniert. Terroristen geht es nicht einfach um den Erstschlag, sondern er möchte die Ängste der Menschen verstärken und die Gesellschaft destabilisieren.

Kann ich die Angst vor dem Terror nicht einfach aussitzen? Sie geht doch bestimmt wieder vorbei?

Genau das ist unsere Erfahrung. Es ist ja nicht der erste terroristische Anschlag. Die Angst steigt an und nach einiger Zeit, insbesondere wenn die Medien nicht mehr darüber berichten, vergessen wir sie wieder und sorgen uns um etwas anderes. Das ist ein typisches Muster. Das gibt es in anderen Bereichen auch. Erinnern Sie sich zum Beispiel an die Vogelgrippe, die Schweinegrippe, Rinderwahnsinn. Was hatten wir Angst, in ein saftiges Steak zu beißen.

Befeuern die Medien also diese Ängste?

Ja. Die wenigsten von uns haben direkte Erfahrung mit den Ereignissen in Paris. Unsere Ängste und Meinungen werden über die Medienberichte geformt.

Wenn Medien diese Ängste formen und anstoßen, ist die Angst vor Terror dann irrational?

Das würde ich nicht sagen. Aber in Deutschland haben sich im Gegensatz zu Spanien, Frankreich und England bisher nur ganz wenige Terroranschläge ereignet. Seit dem Jahr 2000 kann man die Anzahl der Toten durch Terroranschläge an ein oder zwei Händen abzählen, wenn man von den zehn NSU-Fällen absieht. Das ist in Frankreich anders. Auch in Großbritannien hat man Erfahrung im Umgang mit Terror. Wir haben in diesem Sinne Glück, dass wir in einem Land leben, das bisher nicht so sehr von diesen Anschlägen betroffen ist.

Können solche Statistiken helfen, die Angst zu überwinden?

Ja, wenn man sich nicht ganz von Angst einschüchtern lässt. Durch Mitdenken kann jeder ein bisschen vernünftiger mit der Angst umgehen. Es ist sehr gut, sich gründlich zu informieren, denn wir fürchten allzu oft, was uns wahrscheinlich nicht umbringt. Und vor allem sollten wir nicht zulassen, dass Terroristen durch unsere Angst ein zweites Mal zuschlagen können. Der Zweitschlag soll uns verunsichern und uns dazu bringen, die Freiheiten, die wir im letzten Jahrhundert teuer erkauft haben, nur wegen unserer Angst aufzugeben.

 


Gefühlte und echte Risiken

Menschen tun sich oft schwer damit, Risiken richtig einzuschätzen. Wovor sie sich am meisten fürchten und welche Ursachen wirklich zu den häufigsten Todesfällen führen, unterscheidet sich teilweise stark.


  • Naturkatastrophen

    Eine Umfrage der R+V Versicherung im Jahr 2015 ergab, dass sich 53 Prozent der Deutschen vor Naturkatastrophen fürchten. Wer hier an Stürme und Fluten denkt, verkennt die riskanteste Wetterlage: Hitzewellen. 2003 starben laut der Internationalen Katastrophen-Datenbank 9355 Menschen in Deutschland an den Folgen der Hitzewelle. Eine Extremsituation. Klammert man dieses Ereignis aus, starben hierzulande durch Naturkatastrophen nur 107 Menschen in den letzten 15 Jahren.


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  • Terroranschläge

    Vor Terroranschlägen fürchten sich 52 Prozent der Deutschen. Auch hier liegen das gefühlte Risiko und die tatsächliche Bedrohung weit auseinander. In den letzten 15 Jahren sind nach Angaben des Institute for Economics and Peace nur sechs Menschen in Deutschland bei Terroranschlägen ums Leben gekommen.


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  • Koronare Herzerkrankung

    Herzerkrankungen waren, allen voran die Koronare Herzkrankheit, die häufigste Todesursache in Deutschland 2013. Fasst man alle Herz-Kreislauf-Leiden zusammen, machen sie über 40 Prozent der Todesursachen in Deutschland aus.


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  • Krebserkrankungen

    Insgesamt machen Krebserkrankungen 25 Prozent der Todesursachen aus und sind damit auf Platz zwei hinter Herz-Kreislauf-Leiden. Die häufigste Todesursache durch bösartige Neubildungen ist bei deutschen Männern Lungenkrebs (knapp sieben Prozent aller Todesfälle). Bei Frauen ist es Brustkrebs, der an fünfter Stelle hinter verschiedenen Herzleiden steht mit knapp vier Prozent.


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