Amöbenruhr

Die Amöbenruhr ist eine Durchfallerkrankung, die durch den Erreger Entamoeba histolytica hervorgerufen wird. Sie führt zu blutig-schleimigen Durchfällen und krampfartigen Bauchschmerzen. Hauptinfektionsquelle ist verunreinigtes Trinkwasser
von Dr. Markus N. Frühwein, 08.01.2014

Trinkwassergewinnung in Ghana: Die Erreger der Amöbenruhr werden häufig über verunreinigtes Wasser übertragen

Corbis/Louise Gubb/Savelugu

Nach Schätzungen der WHO erkranken jährlich zirka 50 Millionen Menschen weltweit an der Amöbenruhr. Besonders Entwicklungsländer sind betroffen. Es gibt Gebiete, in denen bis zu 90 Prozent der Bevölkerung infiziert ist.

Ursachen: Durch welchen Erreger und wie wird die Amöbenruhr übertragen?

Amöben sind einzellige Parasiten, die vor allem im Dickdarm vorkommen. Grundsätzlich muss bei einer Infektion durch Amöben (Amöbiasis) zwischen der für den Menschen ungefährlichen Darmbesiedelung durch Entamoeba dispar und einer Infektion mit Entamoeba histolytica unterschieden werden. Letztere führt teilweise zu schwersten Verläufen (Amöbenruhr) und Komplikationen. Zirka 90 Prozent aller Amöbiasis-Fälle stellen jedoch ungefährliche Infektionen durch Entamoeba dispar dar.

Eine Zyste des Erregers Entamoeba histolytica unter dem Mikroskop

Corbis/Visuals Unlimited/Carolina Biological

Nach Aufnahme der Zysten von Entamoeba histolytica durch Nahrung oder Trinkwasser, vermehren sich diese und entwickeln sich im Darm zu sogenannten Minutaformen (nichthämatogene Trophozoiten) weiter. Diese werden nach Umwandlung in Zysten wieder ausgeschieden und können in der Umwelt lange Zeit infektiös bleiben. Teilweise wandeln sich die Minutaformen aber auch zu sogenannten Magnaformen (hämatogene Trophozoiten) um. Diese können in die Darmschleimhaut des End- und Dickdarms eindringen, sie schädigen und von hier weiterwandern. Ausschließlich Entamoeba histolytica besitzt die Fähigkeit in Gewebe einzudringen.

Diese Formen der Erkrankung werden daher invasive Formen genannt. Durch Schädigung der Darmwand kann es zu ausgedehnten Geschwüren im Dickdarm kommen. Während die Minutaformen zu einfachen Durchfallerkrankungen führen, können die Magnaformen eine starke Entzündung der Darmschleimhaut (Amöbencolitis) mit blutigen Durchfällen auslösen. Es kann dann zu schwerwiegenden Komplikationen wie bedrohlicher Darmerweiterung mit  Darmdurchbrüchen, Abszessen und einer Bauchfellentzündung kommen. Inwieweit sich Symptome entwickeln, hängt allerdings vor allem von der körpereigenen Abwehr und der aufgenommen Menge des Erregers ab.

Die infektiösen Zysten des Erregers werden von Infizierten mit dem Stuhl ausgeschieden und verbreiten sich – wie viele Durchfallerreger – vornehmlich über das Trinkwasser. Sie sind sehr widerstandsfähig und können bei ausreichend feuchter Umgebung dauerhaft außerhalb des Körpers überleben. Obwohl Amöben weltweit vorkommen, sind Infektionen in entwickelten Gebieten mit ausgebautem Abwassersystem und guter Trinkwasserversorgung selten. Gerade in Entwicklungsländern, in denen Abwässer sich mit dem Grundwasser vermischen, das als Trinkwasser genutzt wird, verbreitet sich die Erkrankung rasch. Auch der häufige Gebrauch von menschlichen Exkrementen als Düngemittel führt, neben der Verseuchung des Grundwassers, zur Aufnahme von Zysten durch verunreinigte Lebensmittel. Bei Ausbrüchen spielt in diesen Regionen auch ein, häufig durch Unterernährung verursachtes, geschwächtes Immunsystem der Betroffenen eine Rolle. Besonders betroffen sind die unterentwickelten Teile Asiens, Afrikas und Süd-/Mittelamerikas. Unter entsprechenden Bedingungen kann es hier zu regelrechten Epidemien kommen.

Verbreitung: Wo kommt die Amöbenruhr vor?

Es handelt sich um einen weltweit vorkommenden Erreger, der auch in den kalten Klimazonen der Arktis auftaucht. Am weitesten verbreitet ist er jedoch in tropischen Regionen. Das weltweite Verteilungsmuster der Durchseuchungsrate in der Bevölkerung, ist stark geprägt durch die hygienischen Bedingungen, die Bevölkerungsdichte sowie die Einkommensverhältnisse vor Ort. Gerade Entwicklungsländer sind hier besonders betroffen. In einzelnen Gebieten sind bis zu 90 Prozent der Menschen infiziert. Häufig sind Hafenstädte und Küstengebiete, wie die Westküste Afrikas oder die Küste von Nordbrasilien sowie Slumgebiete in Indien und Bangladesch stark betroffen. Auch in den feuchten Gegenden Südostasiens besteht eine hohe Durchseuchungsrate.

Symptome: Wie verläuft die Amöbenruhr?

Der zeitliche Ablauf der Infektion ist sehr variabel. In den meisten Fällen treten erste Symptome zwischen ein und vier Wochen nach Aufnahme des Erregers auf. Im Verlauf mehrerer Tage steigern sich die Beschwerden langsam mit wechselnder Intensität. Das Spektrum reicht von einer symptomlosen Infektion bis hin zur Vollsymptomatik der Amöbenruhr und drohenden Komplikationen.

Leitsymptom sind Durchfälle. In unkomplizierten Fällen treten diese unterschiedlich stark und häufig auf und sind regelmäßig von krampfartigen Bauchschmerzen begleitet. Meist geht es dem Erkrankten dabei relativ gut. Treten Schleim- und Blutbeimengungen (Dysenterie) auf, ist von einer schweren Infektion auszugehen. Die krampfartigen Bauchschmerzen nehmen stark zu, es kann zu Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und Übelkeit kommen. Die Durchfälle nehmen zu. Unter entsprechender antibiotischer Therapie ist die Prognose jedoch sehr gut.

Leichte Formen der Erkrankung können, wenn sie über einen längeren Zeitraum bestehen (chronischer Verlauf mit wechselnden Durchfallbeschwerden), zu Müdigkeit, Gewichtsverlust und Antriebslosigkeit führen.

Der Krankheitsverlauf erschwert sich drastisch, wenn Komplikationen wie ein Darmdurchbruch oder ein Amöbenleberabszess hinzukommen. Beim Darmdurchbruch (Darmperforation) bricht im Bereich eines Amöbengeschwürs die Darmwand durch und löst eine schwere Entzündung der Bauchhöhle (Peritonitis) aus. Gelegentlich treten auch Abszesse im Bauchraum auf. Über die Blutbahn kann der Erreger andere Organe, bevorzugt die Leber, besiedeln. In der Leber entstehen hierbei ein bis mehrere Abszesse, die mit Flüssigkeit gefüllt sind. Der Amöbenleberabszess kann auch Jahre nach der Infektion auftreten und ist ebenfalls eine schwere Erkrankung, die stationärer Therapie bedarf.     

Diagnose: Wie lässt sich die Infektion mit Entamoeba histolytica feststellen?

Eine Amöbeninfektion lässt sich zwar im Rahmen eines mikroskopischen Nachweises von Zysten oder Trophozoiten im Stuhl feststellen. Damit kann der Arzt jedoch nicht zwischen einer ungefährlichen Entamoeba dispar-Infektion und einer behandlungsbedürftigen Entamoeba histolytica-Infektion unterscheiden. Ausnahme: Selten gelingt es, Magnaformen (hämatogene Trophozoiten) nachzuweisen, die nur bei Entamoeba histolytica-Infektionen vorkommen.

Um beide Amöbenarten zu unterscheiden, stehen verschiedene spezielle Stuhl-Untersuchungen zur Verfügung. Wichtigste Methode ist der ELISA (enzyme-linked immunosorbent assay). Er dient dem Nachweis parasitentypischer Merkmale, sogenannter Antigene. Mit der Polymerase-Chain-Reaction (PCR) lassen sich parasitenspezifische Genbestandteile bestimmen. Des Weiteren kommt auch eine kulturelle Anzucht infrage.

Auch die Bestimmung von Antikörpern im Blut, die meist schon zu Beginn der Symptomatik vorhanden sind, kann hilfreich sein.

Therapie: Wie lässt sich die Infektion mit Entamoeba histolytica behandeln?

Für die Behandlung mit Antibiotika stehen die Nitroimidazole Metronidazol, Tinidazol, Nimorazol und Ornidazol zur Verfügung. In Deutschland setzen Ärzte vor allem Metronidazol ein. Die Therapie erfolgt in der Regel über sieben bis zehn Tage. In schweren Fällen sollte die Anwendung als Infusion erfolgen. Diese Gruppe von Antibiotika (die Nitroimidazole) wirkt vorwiegend gegen Erreger im Gewebe, und nur zu einem geringen Teil im Darm. Erkrankte, die Zysten ausscheiden, sollten im Anschluss das Aminoglykosid-Antibiotikum Paromomycin oder den Wirkstoff Diloxanidfuroat über mehrere Tage einnehmen. Unter der antibiotischen Therapie bessert sich der Zustand des Patienten normalerweise rasch.  Gegen die krampfartigen Bauchschmerzen kann zudem kurzfristig das krampflösende Mittel N-Butylscopolamin helfen, das Ärzte aber nur einsetzen, wenn keine Gegenanzeigen bestehen.

Vorbeugen: Wie kann man sich vor der Amöbenruhr schützen?

Eine Infektion mit Amöben ist die häufigste Parasiteninfektion, die bei Reisenden vorkommt. Da die Erkrankung vor allem durch Wasser übertragen wird, sollten Urlauber besonders auf Trinkwasserhygiene achten. In entsprechenden Reiseländern sollten sie kein Wasser aus dem Hahn oder offenen Gefäßen in den Mund nehmen – auch nicht zum Zähneputzen. Abkochen und ausreichendes Filtrieren eignen sich, um das Wasser von Amöbenzysten zu befreien. Eine  Chlorierung alleine reicht nicht aus.

Werden Pflanzen mit Fäkalien gedüngt, lassen sich diese häufig auch durch Waschen nicht von Zysten befreien. Auf Salate und andere Rohkost sollten Reisende daher verzichten. Frisches Obst, das man selbst schält, gilt dagegen als unbedenklich. Allgemein ist das Infektionsrisiko vom individuellen Reiseverhalten abhängig. Wer luxuriöse Hotels und Restaurants mit hohem hygienischen Standard besucht, hat ein deutlich geringeres Infektionsrisiko als ein Rucksackreisender, der Essen in einheimischen Garküchen und an Straßenständen zu sich nimmt. Es gibt derzeit keine Impfung. Die vorbeugende Einnahme von Antibiotika halten Experten nicht für sinnvoll.

Autor und Experte: Dr. med. Markus Frühwein

W&B/Privat

Autor und Experte: Dr. med. Markus Frühwein, Vorstand der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen e.V.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren  »

Zum Thema

Meer und Strand

Wie Sie Reisedurchfall vorbeugen

Wer in ferne Länder reist, macht schnell unliebsame Bekanntschaft mit Magen-Darm-Keimen. Diese Hygiene-Regeln helfen, Durchfall vorzubeugen »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages