Validation ist eine Kommunikationstechnik, die demenzkranken Menschen Sicherheit und Geborgenheit vermitteln kann
Validation – hinter diesem abstrakten Begriff stecken recht einfache und dennoch wirkungsvolle Kommunikations- und Fragetechniken, die den Umgang mit Demenzkranken verbessern können und ihnen Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Es gibt zwei „Schulen“ der Validation – beide ähneln einander und beruhen auf einer wertschätzenden und empathischen Grundhaltung gegenüber dem Kranken.
Validieren bedeutet, die Realität des Anderen für gültig zu erklären. Ziel der Validation ist, eine echte und tiefe Wertschätzung aufzubringen, den demenzkranken Menschen mit seinen Gefühlen und Gemütszuständen ernst zu nehmen, auch wenn das gesunden Menschen manchmal schwer fallen mag. Oft neigt man dazu, die Gefühle und Antriebe von Demenzpatienten (zum Beispiel Alzheimer-Erkrankte) als Hirngespinste abzutun – etwa, wenn eine 90-jährige Frau unbedingt aus dem Pflegeheim „heim zu ihrer Mama“ möchte.
„Überlegen Sie mal, Sie sind selbst 90. Ihre Mutter ist doch schon lange tot“, wäre für orientierte Menschen wohl die nahe liegende Reaktion. Eine andere Reaktion könnte sein, die Frau zu vertrösten, damit sie Ruhe gibt: „Jetzt essen Sie erst einmal zu Mittag, dann können Sie heim.“
„Beide Verhaltensweisen würden die demenzkranke Frau nur aufregen oder sogar gegen den Pfleger oder Angehörigen aufbringen“, erklärt Christiane Meyer, Fachkrankenschwester für Anästhesie- und Intensivpflege mit Validationsausbildung. Akzeptieren statt korrigieren sei die richtige Reaktion. Die Gefühle und Antriebe ernst nehmen und darauf eingehen. Denn die alte Dame mag zwar in einer „anderen Welt“ leben, die nicht der Realität entspricht. „Aber ihre Gefühle sind real“, erklärt Meyer. „Sie meint es ernst, wenn sie von der Pflegeeinrichtung nach Hause will und weiß nicht, dass es nicht geht“, so die Krankenschwester und Pflegesachverständige.
Validation
Entwickelt wurde das Konzept ab den 1960er Jahren von der US-amerikanischen Sozialarbeiterin Naomi Feil. Die 1932 in München geborene Gerontologin (Alternswissenschaftlerin) ist in einem Altersheim in Cleveland/USA aufgewachsen und hatte von klein auf ständig Kontakt zu sehr alten Menschen. In den 1990er Jahren hat die deutsche Psychogerontologin Nicole Richard die Methode abgewandelt. Richards Ansatz nennt sich „Integrative Validation“.
Am besten könne man sich als Gesunder in die Lage des Patienten versetzen, indem man sich folgende Situation vorstellt:
Sie sind mit einer Reisegruppe in der Türkei auf einem riesigen Basar. Im Gewirr der Menschen verlieren Sie Ihre Gruppe. Sie bekommen Panik, denn Sie wissen: In einer halben Stunde fährt der Bus – vielleicht ohne Sie, weil Ihr Verschwinden womöglich nicht bemerkt wird. Sie sprechen kein Türkisch und versuchen verzweifelt, sich mit Händen und Füßen durchzufragen, ob jemand Ihre Reisegruppe gesehen hat oder weiß, wo der Busparkplatz ist. Aber niemand will Ihnen helfen! Im Gegenteil! Die fremden Menschen lügen Sie an, sie sagen, dass es angeblich gar keine Reisegruppe gibt. Oder die Leute wollen Sie aufhalten, Sie sollen mit den Fremden zu Mittag essen – erst dann dürfen sie weitersuchen. Aber das wollen Sie auf keinen Fall. Sie müssen Ihre Gruppe jetzt und sofort finden, sonst fährt der Bus ohne Sie.
„So ähnlich fühlt sich die 90-jährige Dame. Sie muss jetzt nach Hause. Das Gefühl ist real“, verdeutlicht Christiane Meyer. Natürlich können Pfleger oder Angehörige die hilflose Frau nicht einfach gehen lassen. Die beste Reaktion: Verbalisieren Sie die Gefühle der Dame: „Sie sind ja ganz aufgeregt. Ich verstehe das, schließlich haben Sie Ihr ganzes Leben gut für die Familie gesorgt und sich immer um Ihre Lieben gekümmert.“
Versuchen Sie außerdem herauszufinden, was hinter dem Wunsch der Frau steckt. Vielleicht ist die 90-Jährige selbst Mutter, dann können Sie ein Gespräch über Familie und Kinder mit ihr beginnen: „Sie haben selbst Kinder. Sie sind eine gute Mutter, immer für die Familie da, immer zur Stelle, wenn Sie gebraucht werden.“
„Die Frau fühlt sich verstanden. Jemand erkennt ihre Lebensleistung an“, fasst Validationsanwenderin Meyer zusammen. Oft zeigt die Methode aber nur für den Moment Wirkung. Womöglich möchte die Dame bei nächster Gelegenheit wieder nach Hause zu ihrer Familie. Dann müssen Sie als verantwortliche Person erneut auf die Frau eingehen, sie ernst nehmen und mit viel Einfühlungsvermögen von ihrem Wunsch abbringen.
„Die Gefühlswelt ist bei Dementen völlig intakt, das muss man berücksichtigen. Ihre Gefühle und Antriebe sind für sie selbst real“, betont Meyer. Akzeptieren Sie den Kranken, wie er ist. Wenn Sie die Geduld zu verlieren drohen, gehen Sie kurz vor die Tür oder schließen die Augen und zählen bis zehn.
Ein anderes Beispiel: Ein alter Herr fragt bei jeder Mahlzeit „Hat meine Frau auch schon bekommen?“. Seine Gattin ist seit Jahren tot, aber das weiß der Demenzkranke nicht mehr. „Lassen Sie nicht dreimal am Tag die Frau sterben“, rät Meyer. Besser sei eine Reaktion, wie: „Sie sorgen sich sehr um Ihre Frau. Sie sind ein guter Ehemann, haben die Familie immer ernährt.“
Demenzkranke drücken über ihre – für die gesunden Mitmenschen oft rätselhaften – Handlungen Grundbedürfnisse aus. „Sie wollen sich geliebt fühlen, nützlich und gebraucht“, berichtet Meyer aus ihrer Erfahrung mit Demenzpatienten. Wenn ein Erkrankter zum Beispiel immer wieder auf den Tisch haut, sollten Sie genauer hinsehen: Ist es wirklich ein Hauen, ein Schlagen? Dann könnte der Betroffene wütend sein. Vielleicht imitiert er aber auch seine frühere Arbeitstätigkeit, schlägt zum Beispiel einen imaginären Nagel ins Holz. Oder ist es eher ein Wischen? Das könnte Putzen bedeuten – oder Streicheln – das Grundbedürfnis nach Liebe und menschlicher Nähe.
„Die Patienten wollen mit ihrem Verhalten etwas ausdrücken, sie wollen mit uns kommunizieren“, sagt Meyer. Durch Fragen könne man herausfinden, um welchen Antrieb es sich handelt, etwa: „Sind Sie heute wieder fleißig, Herr Müller?“. „Wenn sich das Gesicht des Betroffenen aufhellt, der Blick für einen Moment klarer wird oder der andere bestätigt ‚ja, fleißig‘, haben Sie mit Ihrer Interpretation wahrscheinlich richtig gelegen“, sagt Meyer.
Kommunikationstechniken der Validation
Gefühle verbalisieren
Wichtig ist, zunächst immer das Gefühl oder dem Gemütszustand des Patienten in Worte zu fassen“, sagt Krankenschwester und Validationsanwenderin Christiane Meyer. „Sie sind ja ganz aufgeregt. Sie haben Angst. Jetzt sind Sie aber wütend.“ Dadurch fühlt sich der Erkrankte ernst genommen.
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Wiederholen oder Zusammenfassen
Geben Sie die Aussage des Demenzkranken noch einmal wieder: „Sie wollen nach Hause zu Ihrer Familie. Sie sorgen sich um Ihre Kinder.“ Dadurch fühlt sich der Erkrankte verstanden. Warum-Fragen und andere komplexe Fragen sollten Sie vermeiden, da demente Menschen Sie nicht mehr beantworten können.
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Erinnerungen an die Vergangenheit wecken
Je weniger der Patient in der Realität zurechtkommt, desto mehr flüchtet er sich in die Vergangenheit. Oft ist es menschlicher, dem Dementen in einem Gespräch in die Vergangenheit zu begleiten. „Fragen Sie nach Erinnerungen, Erlebnissen, schönen Zeiten“, rät Meyer. An solche Dinge können sich Betroffene noch gut erinnern – und können „auf Augenhöhe“ mit Ihnen kommunizieren.
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Bevorzugtes Sinnesorgan ansprechen
Alte und demente Menschen reagieren nicht mehr auf alle Sinneseindrücke gleich gut. Finden Sie heraus, wie Sie den Kranken am besten erreichen, etwa durch Berührungen, Worte oder Blickkontakt. „Halten Sie einen echten, längeren Blickkontakt. So haben Sie auch die Reaktionen und Emotionen des Kranken im Blick und können darauf reagieren“, rät Meyer.
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Berührungen
Menschen mit fortgeschrittener Demenz tun oft Berührungen gut. „Halten Sie die Hand oder berühren Sie länger die Schulter, wenn der Kranke es zulässt“, sagt Meyer. Berührungen sind eine Form der Kontaktaufnahme und erleichtern den Zugang zum Erkrankten, weil sie ausdrücken: „Ich will dir nichts Böses. Ich meine es ehrlich mit dir."
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Den Demenzkranken spiegeln
Passen Sie Gesichtsausdruck, Körpersprache und Stimme an und benutzen Sie die gleichen Worte wie der Demente. „Wenn ein Patient summend im Bett liegt, weil er sich anders nicht mehr äußern kann, können Sie Empathie zeigen, indem Sie mitsummen“, sagt Meyer. Wenn der Demenzpatient sehr aufgebracht ist, sollten Sie ihm analog dazu bestimmt und entschlossen gegenübertreten.
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Gebete und Sprichwörter
Alte Menschen sind oft gläubig. „Ich habe schon erlebt, dass Patienten in Gebete miteinstimmen, obwohl sie eigentlich schon lange nicht mehr sprechen“, sagt Meyer. Auch Sprichwörter können die Kommunikation erleichtern. Redewendungen wie „Morgenstund‘ hat Gold im Mund“, oder „Ein Unglück kommt selten allein“, verstehen Demente auch in einem fortgeschrittenem Stadium noch und können an der Gemeinschaft teilhaben.
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Musik
„Musik ist eines der wichtigsten Hilfsmittel, um gerade Patienten mit fortgeschrittener Demenz zu erreichen“, betont Meyer. Sie können sich nach Lieblingsliedern erkundigen oder sich einfach bekannten Lieder besorgen. Selbst sehr zurückgezogene Patienten fangen oft an, sich im Takt der Musik zu wiegen, zu summen oder zu singen. Meyer rät: „Man kann auch ganz gezielt aktivierende oder beruhigende Lieder vorspielen“.
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Mit der Biographie vertraut machen
Da Demenzkranke im Verlauf der Erkrankung immer stärker in der Vergangenheit leben, ist es sinnvoll, sich mit ihrer Biographie vertraut zu machen. So finden Sie gemeinsame Gesprächsthemen, zum Beispiel über Familie, Blumen, Tiere oder Musik. Menschen, die zu keinem komplexeren Gespräch mehr fähig sind, können Sie auch die Namen ihrer Geschwister, Lieblingslieder oder Lieblingsblumen aufzählen lassen.
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Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung. Nachlassende Fähigkeiten und Rückschritte gehören leider dazu. Lassen Sie sich als Pfleger oder Angehöriger nicht entmutigen, geben Sie Ihre Kommunikationsversuche nicht auf. „Sie können die Krankheit nicht aufhalten. Aber wenn Sie dem Betroffenen in jedem Stadium mit Respekt begegnen, haben Sie ihm bereits einen großen Dienst erwiesen“, sagt Meyer.
Versuchen Sie, nicht enttäuscht zu sein, wenn der eigene Ehepartner, die Mutter oder der Vater Sie nicht mehr erkennt. „Demenzkranke erkennen Angehörige nicht mehr, weil sie diese als junge Menschen in Erinnerung haben und dieses Bild nicht mit der Realität in Verbindung bringen“, erklärt Pflegesachverständige Meyer.
Meyer, die als Krankenschwester für Intensivpflege tätig ist, hat die Erfahrung gemacht, dass Demenzkranke für Pfleger oder pflegende Angehörige subjektiv oft zu Tätern werden, weil sie anstrengend sind, schreien, schlagen, beißen. „Mithilfe von Validation kann man solche Ausbrüche fast immer vermeiden oder zumindest deutlich reduzieren“, sagt Meyer. Davon profitieren beide Seiten: die Patienten genauso wie Pfleger oder Angehörige. „Ich bin zufriedener mit meiner Arbeit, seitdem ich Validation anwende. Das gibt mir mehr Sicherheit im Umgang mit den Demenzpatienten und das schöne Gefühl, ihnen etwas Gutes zu tun.“
Meyers Tipp für pflegende Angehörige: Die Grundsätze der Validation sind nicht schwer zu erlernen, vor allem, weil Sie als Angehöriger die Biographie des Patienten ohnehin gut kennen. Wenn Sie sich dauerhaft mit der Pflege des Demenzkranken überfordert fühlen, sollten Sie sich jedoch Hilfe von einem Pflegedienst holen. Keinem ist geholfen, wenn Sie bei der Pflege selbst auf der Strecke bleiben.
Mehr Tipps erfahren Sie im Kapitel "Tipps für pflegende Angehörige".
Simone Herzner / www.apotheken-umschau.de;
19.10.2011, aktualisiert am 18.05.2012
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