Wieder einmal findet Benno Treutner sein Portemonnaie nicht. Hektisch fährt er in die Taschen seiner Hose, sucht es auf der Kommode im Flur. Aufgeregt und leicht aggressiv beschuldigt er schließlich seine Frau Luisa, es genommen zu haben. Die fühlt sich zu Unrecht angegriffen, reagiert verärgert und entgegnet, er solle besser auf seine Sachen aufpassen. In letzter Zeit würde er ja dauernd etwas verlegen. Ein Wort gibt das andere. Die Situation endet in einem heftigen Streit.
Luisa und Benno Treutner heißen in Wirklichkeit anders. Doch solche Szenen ereignen sich täglich in vielen Haushalten bundesweit, wenn Menschen an Demenz erkrankt sind. Etwa 1,2 Millionen von ihnen leben in Deutschland. Pro Jahr kommen schätzungsweise 250.000 neue Fälle hinzu. Als häufigste Ursache einer Demenz gilt Alzheimer, zwei Drittel der Patienten sind davon betroffen.
„Eine Demenz beginnt normalerweise damit, dass sich Menschen Dinge im Alltagsablauf nicht mehr merken können. Ihr Kurzzeitgedächtnis lässt sie im Stich“, erklärt Professorin Gabriele Wilz von der Universität Jena. Die zeitliche, örtliche und auf Personen bezogene Orientierung geht nach und nach verloren.
Heftige Worte machen Angst
„Das zeigt sich beispielsweise darin, dass der Erkrankte ständig fragt, wann seine Partnerin wiederkommt, wenn ihm jemand während ihrer Abwesenheit Gesellschaft leistet“, erläutert die Familientherapeutin Helga Schneider-Schelte von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Berlin. Die Kranken spüren, dass sie nicht mehr zurechtkommen. Um sich selbst zu schützen, wählen sie unbewusst die Strategie, andere zu beschuldigen – häufig sind das die Lebenspartner.
„Eine Diskussion über den verlegten Geldbeutel oder Schlüssel klärt jedoch nichts, denn der an Demenz erkrankte Mensch kann den Argumenten nicht mehr wirklich folgen. Ihn erschrecken und ängstigen die heftigen Worte, weshalb er unruhig, misstrauisch und vielleicht aggressiv reagiert“, erläutert Psychologin Wilz. Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universitäten Jena und Berlin unterstützen Psychologinnen per Telefon teilnehmende Angehörige, die Menschen mit Demenz pflegen.
Lage nicht eskalieren lassen
In den Gesprächen geht es zunächst darum, dem pflegenden Angehörigen zu vermitteln, was in dem Erkrankten vorgeht. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Für den Dementen lässt es sich leichter verkraften, wenn er denkt, jemand anders habe das Portemonnaie weggesteckt. Dann muss er sich nicht schuldig und unfähig fühlen.
Es ist also besser, wenn Luisa zu ihm sagt: „Vielleicht habe ich das Portemonnaie woanders hingelegt. Das taucht bestimmt wieder auf.“ Damit entschärft sie die Situation. Anschließend können beide in Ruhe danach suchen, und der ängstigende Moment hat seinen Schrecken verloren. „Wird der Alzheimerkranke ständig damit konfrontiert, wie er bei seinen alltäglichen Tätigkeiten versagt, führt das oft zu Begleiterkrankungen wie depressiven Störungen und Ängsten“, sagt Wilz.
Ein Streit entzündet sich leicht, wenn der Erkrankte sich unsicher und überfordert fühlt. So kann er sich etwa morgens weigern, frische Kleidung anzuziehen – er möchte in die gewohnte von gestern schlüpfen. „Oft meinen die Angehörigen, dass der andere dies aus Trotz macht. Das stimmt meist nicht.
Im Vordergrund steht vielmehr, dass diese Kleidung vertraut ist und Sicherheit gibt“, verdeutlicht Schneider-Schelte. In solchen Fällen kann es eine Lösung sein, Wäsche in zweifacher Ausfertigung zu kaufen und die frische rechtzeitig bereitzulegen, während die gebrauchte gerade gewaschen wird.
Christine Wolfrum / Apotheken Umschau;
16.03.2010, aktualisiert am 21.01.2011
Bildnachweis: Agentur Bilderberg GmbH/Birgit Betzelt/JUH
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