Osteopathie: Hilfe durch heilende Hände

Osteopathie – hinter dem griechischen Wort für „Knochen“ und „Krankheit“ verbirgt sich eine ganzheitliche manuelle Heilmethode. Bei welchen Beschwerden Osteopathie helfen kann

von Dr. Alexandra Kirsten, aktualisiert am 30.06.2015

Blockierte Gelenke und Gewebeverspannungen sollen mit den Händen gelöst werden

W&B/Stockbyte

Eine Behandlung nur mit den Händen, ohne Medikamente und Apparate: Gerade Patienten mit chronischen Beschwerden, etwa am Rücken oder an Gelenken, suchen nach einer sanften Alternative oder Ergänzung zur klassischen Schulmedizin. So bekommt die Osteopathie in Deutschland immer mehr Zuspruch. In den USA sind Osteopathen Ärzten gleichgestellt.


Was man unter Osteopathie versteht

Die Osteopathie ist eine alternative Behandlungsmethode, die manuell, also mit den Händen, durchgeführt wird. Der amerikanische Arzt Andrew Taylor Still begründete vor über 130 Jahren die Methode. Stills "osteopathische Theorie" wird von ihm selbst als "Philosophie" bezeichnet. Zu den grundlegenden Annahmen Stills gehört, dass die Bekämpfung von Krankheiten durch die Förderung der Selbstheilungskräfte des Körpers möglich ist.

Bei der Behandlung verzichtet der Therapeut weitgehend auf Geräte, Spritzen und Medikamente. "Osteopathie ist eine ganzheitliche Methode, die mit dem Patienten im Mittelpunkt arbeitet, Gesundheit fördert und dabei alle funktionierenden und strukturellen Bereiche als Einheit betrachtet", erklärt Dr. Kilian Dräger, Vorsitzender der Deutschen Ärztegesellschaft für Osteopathie (DÄGO) aus Hamburg. "Unser Körper besteht aus unzähligen Strukturen, die alle direkt oder indirekt miteinander zusammenhängen", erläutert der Arzt und Osteopath. Ein wichtiger Baustein für den Zusammenhalt sind die sogenannten Faszien – derbe Bindegewebshüllen, die Muskeln, Muskelgruppen, ganze Körperabschnitte und auch Organe umgeben. Die Faszien laufen über sehr weite Strecken durch unseren Körper.

Manuelle Techniken sollen Blockaden lösen

Aus osteopathischer Sicht brauchen die verschiedenen Strukturen des Körpers, wie Muskeln, Knochen, Nerven, Organe, Liquorräume, Blut- und Lymphgefäße und auch die Faszien untereinander freie Beweglichkeit. "Gibt es Blockaden in diesen Strukturen, kommt es zu Beschwerden", erklärt Dräger die Theorie, auf der die Methode fußt.

Bei der Behandlung folgt der Osteopath mit den Händen den Richtungen und Bewegungen der Faszien und löst gefundene Verspannungen und Blockaden. Das kann am Knie, am Rücken aber auch am Bauch sein. So versucht der Osteopath, mit verschiedensten manuellen Techniken den Selbstheilungsprozess des Körpers anzustoßen.

Ablauf einer Behandlung

Die Osteopathie kann je nach Beschwerdebild eine eigene Therapieform oder auch eine Ergänzung mit anderen Therapien und Maßnahmen sein. Ein Osteopath sollte aber immer auch mit den anderen behandelnden Ärzten zusammenarbeiten. Eine osteopathische Behandlung dauert ungefähr eine Stunde. Dabei liegt der Patient auf einer Behandlungsbank und wird mit den Händen untersucht und behandelt. "Ein Patient schildert sein Anliegen, eine umfassende Anamnese und Untersuchung des ganzen Körpers erfolgt. Untersuchung und Behandlung gehen ständig ineinander über", erklärt Dräger.

Je nach Beschwerden können eine, drei oder fünf Behandlungen, manchmal auch mehrere über einen längeren Zeitraum, empfehlenswert sein. Die privaten Krankenversicherungen erstatten abhängig vom Versicherungsvertrag die Kosten für die Behandlung. Mittlerweile übernehmen auch viele gesetzliche Kassen Teile der Kosten. Informieren Sie sich hier im Einzelfall genau bei Ihrer Krankenkasse.

Viszerale, parietale und kranielle Osteopathie

In der Lehre wird die Osteopathie abhängig von den betrachteten anatomischen Strukturen in drei Bereiche eingeteilt. Bei der Behandlung sieht der Osteopath den Körper allerdings als Einheit.

Die viszerale Osteopathie beschäftigt sich mit Organen und ihrer Fixierung im Körper und der Durchblutung. Die parietale Osteopathie therapiert vor allem Muskeln, Knochen, Gelenke und Bindegewebe. Der kranielle Bereich der Osteopathie wendet die gleichen Prinzipien auch am Kopf des Patienten an.

Die sogenannte kraniosakrale Therapie ist von der Osteopathie abgekoppelt, sie konzentriert sich auf Schädel und Kreuzbein. Sie gilt allerdings als umstritten, da sie die nicht nachweisbare Vorstellung beinhaltet, dass es im Körper Rhythmen gibt, die bei Störungen "harmonisiert" werden müssen. Bis heute konnten keine Studien eindeutig nachweisen, dass die kraniosakrale Therapie bei bestimmten Beschwerden hilft.

Gute Wirksamkeit bei chronischen Rückenschmerzen

Laut Dräger ist Osteopathie empfehlenswert, wenn die Chance besteht, dass die Funktion verbessert werden kann oder die "Nachbarschaft" die Funktion unterstützen kann. Bei einem komplettem Funktionsverlust ist Osteopathie an dieser Stelle allerdings nicht einsetzbar: "Ein fehlendes Bein oder Organ braucht keine Osteopathie, sondern zum Beispiel eine Prothese oder Medikamente", erklärt der Osteopath.

Grundsätzlich muss man aber sagen, dass einigermaßen zuverlässige Aussagen zur Wirksamkeit von osteopathischer Behandlungen nur bei wenigen Erkrankungsbildern vorliegen. Belegt ist die Wirksamkeit der Osteopathie für die Behandlung von chronischen Rückenbeschwerden. Eine größere Studie zeigte, dass die osteopathische Behandlung bei Rückenschmerzen genauso wirksam wie die schulmedizinische Therapie sein kann.

Eine osteopathische Therapie kann aber auch bei Kopfschmerzen, Migräne und Konzentrationsstörungen angewendet werden. Osteopathen empfehlen sie auch bei Asthma, gynäkologischen Problemen, diversen Erkrankungen des Hals-Nasen-Ohren-Bereichs und des Verdauungssystems. Die Wirksamkeit für diese Beschwerden ist allerdings noch nicht ausreichend durch Studien belegt.

Grenzen und mögliche Risiken der Osteopathie

Ob Osteopathie für einen selbst geeignet ist, sollte man vorher durch eine umfassende Untersuchung und Krankheitserhebung bei einem Arzt feststellen lassen. "Die osteopathischen Verfahren zeigen nur ein geringes Risiko von Nebenwirkungen", erklärt Dr. Peter Weber, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Manuelle Medizin und Sportmedizin im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) des Evangelischen Waldkrankenhauses Spandau in Berlin.

Laut Weber sollten Sie jedoch unbedingt Erkrankungen ausschließen, die durch die osteopathische Behandlung verschlimmert werden könnten. Das gilt besonders bei älteren Menschen mit Erkrankungen oder Schädigungen des Bewegungssystems. Leidet ein Patient zum Beispiel unter starker Osteoporose (Knochenschwund), könnten durch unangemessene Mobilisation die Knochen verletzt werden. Außerdem muss ausgeschlossen werden, dass eine sofortige schulmedizinische Therapie nötig ist.

Daher sollte der behandelnde Arzt "günes Licht" für die Osteopathie gegeben haben – und der Osteopath vorher über alle Erkrankungen Bescheid wissen, um seine Techniken optimal anzupassen. Auch bei Anwendungen und Mobilisationen im Halswirbelbereich ist große Vorsicht geboten, da es bei falschen Anwendungen unter Umständen zu Verletzungen der Blutgefäße und damit zu Durchblutungsstörungen im Gehirn kommen kann. Besprechen Sie geplante Behandlungen vorher mit Ihrem behandelnden Arzt. "Generell kann in vielen Fällen eine sanfte osteopathische Behandlung unterstützend durchgeführt werden, aber sie sollte nicht eine alleinige Therapie darstellen", sagt Weber.

Die Ausbildung zum Osteopathen

Die Ausbildung zum Osteopathen dauert fünf Jahre. Zusätzlich ist in Deutschland ein medizinischer Grundberuf gesetzlich vorgeschrieben. Osteopathen sind also immer auch Ärzte oder Heilpraktiker.

Physiotherapeuten mit abgeschlossener osteopathischer Ausbildung dürfen im gesetzlichen Rahmen nur auf Verordnung eines Arztes osteopathisch arbeiten. Therapeutenlisten finden sie auf den Internetseiten des Verbandes der Osteopathen Deutschland (VOD) e.V. und der Deutschen Ärzte Gesellschaft für Osteopathie (DÄGO) e.V.



Bildnachweis: W&B/Stockbyte, W&B

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