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„Magisch angezogen“
Warum das Übersinnliche die Menschen beeindruckt

Matthias Badura untersuchte, warum Außenseitermethoden immer beliebter werden

Das Angebot an alternativen Heilmethoden wird ständig größer. Dabei ist ihre Wirkung nur in den seltensten Fällen wissenschaftlich bewiesen. Am Beispiel einer Heilerin von der Schwäbischen Alb, die angeblich Warzen wegbeten kann, hat der Kulturwissenschaftler Matthias Badura von der Universität Tübingen untersucht, warum Menschen sich auf solche Verfahren einlassen.

Ist Warzenbesprechen mit anderen alternativen Methoden vergleichbar?
Ich denke schon. Genau wie viele andere Verfahren, die zur sanften Medizin gerechnet oder als Außenseitermethode bezeichnet werden, hat diese Variante eine starke magische Komponente. In unterschiedlichem Maß gilt das meines Erachtens für viele dieser Verfahren, angefangen bei der Bach-Blütentherapie, über die Irisdiagnostik bis hin zur Magnetfeldtherapie.

Eine magische Komponente?
Ja, die meisten Methoden basieren auf dem Glauben an eine unerklärliche Macht, die eingreift und heilt.

Wie leicht fällt es den Leuten, darüber zu reden?
Sehr leicht. Es sprudelt geradezu aus ihnen heraus. Das liegt wohl daran, dass sich das magische Denken immer weiter ausbreitet. Es muss sich niemand mehr schämen, dass er an etwas Irrationales glaubt. Schließlich ist es heute ja auch nicht mehr verpönt, wenn sich jemand die Karten legen lässt.

Gibt es einen bestimmten Typ von Mensch, der alternativen Methoden besonders zugetan ist?
Das konnte ich bei meiner Arbeit nicht feststellen. Ich habe bemerkt, dass sich das Interesse durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht. Meistens gehen die Menschen mit den Heilmethoden ganz pragmatisch um: Funktioniert es, ist es gut. Wenn nicht, dann ist es auch nicht weiter schlimm. Es tut ja nicht weh und ist ganz natürlich.

„Natürlich“ bedeutet dabei ...
Damit ist all das gemeint, was außerhalb des klassischen Medizinbetriebs wächst und gedeiht.

Ist dieser Wunsch nach „Natürlichkeit“ der entscheidende Grund für die Beliebtheit?
Er ist sicherlich sehr wichtig, zeigt sich darin doch eine gewisse Abwehrhaltung dem Medizinbetrieb gegenüber. Ich habe diese Verunsicherung immer wieder feststellen können, die mit der zunehmend technisch werdenden Medizin begründet wurde: Der Einzelne durchschaut nicht mehr, was mit ihm passiert, wie er behandelt wird. Da greift er gerne auf Dinge zurück, die ihm leicht verständliches Ersatzwissen an die Hand geben; Zusammenhänge, die sich überschauen lassen. Beispiel Steintherapie: Steine senden Schwingungen aus. Wenn man davon überzeugt ist, glaubt man auch, dass sie im Körper etwas bewegen können. Die Welt bekommt wieder eine verständliche Ordnung.

Gibt es noch andere Gründe?
Wichtig ist, dass diese Methoden inzwischen gesellschaftlich akzeptiert sind. Mittlerweile kennt jeder jemanden, der einer dieser Methoden vertraut. Teilweise ist es sogar schick, sich so behandeln zu lassen.

Geschieht die Zuwendung zur alternativen Medizin auf Kosten der Schulmedizin?
Erstaunlicherweise nicht. Zwar ist die eben beschriebene Abwehrhaltung häufig festzustellen, doch das hindert die Menschen nicht daran, auch noch zum Schulmediziner zu gehen. Sie vertrauen ihm nach wie vor, probieren aber zusätzlich alternative Methoden aus. Ob das gleichzeitig, vor oder nach einer schulmedizinischen Therapie geschieht, hängt vor allem davon ab, wie viel die alternative Behandlung kostet und welcher Nutzen erwartet wird.

Hat auch die Art der Erkrankung einen gewissen Einfluss?
Ja, je schwerer eine Erkrankung ist und je weniger die Schulmedizin einen Ausweg anbieten kann, desto mehr verlässt man sich auf alternative Heilverfahren.

Wird dann immer nur einem bestimmten Verfahren vertraut?
Viele sind gerne bereit, auch andere alternative Methoden auszuprobieren – insbesondere dann, wenn sie ein Heilverfahren bereits erfolgreich angewandt haben. Das bestärkt den Glauben daran, dass eine andere alternative Therapie ebenfalls erfolgreich sein wird. Oft werden mehrere Methoden gleichzeitig ausprobiert.

Spielen die Erfahrungsberichte anderer Patienten eine Rolle?
Ganz sicher erhöhen Geschichten und Legenden die Bereitschaft, an eine Methode zu glauben. Ob sie erfolgreich war, ist meist schon weniger wichtig. Es wird auch dann daran geglaubt, wenn sie nicht funktioniert hat. Viele suchen den Fehler bei sich. Eine Frau hat mir erzählt, dass sie mir ihrem an Neurodermitis erkankten Kind bei einem Wunderheiler war. Wie sie später herausfand, hat der das Kind mit einer kortisonhaltigen Salbe behandelt. Daraufhin hat sich die Erkrankung kurzfristig gebessert.
Trotz des offensichtlichen Betrugs ist die Frau zu anderen Heilern gegangen, die dem Kind auch nicht geholfen haben. Zu guter Letzt meinte sie, es könne an ihrer Einstellung liegen: Schließlich glaube sie ja nicht an Heiler.

Und was halten Sie von alternativen Heilmethoden?
Ich stehe ihnen eher skeptisch gegenüber. Was nicht heißt, dass ich sie für nutz- oder wirkungslos halte. Doch bei schweren oder chronischen Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Bluthochdruck können die Alternativ- Verfahren die Schulmedizin nicht ersetzen.


Apotheken Umschau



Apotheken Umschau; 05.08.2005, aktualisiert am 27.06.2010

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