Wie es gelingt, im Alter gesund zu bleiben

Die steigende Lebenserwartung verlängert nicht automatisch die Leiden des Alters, haben Forscher berechnet. Weshalb das so ist und was Sie selbst dazu beitragen können
von Dr. Christian Guht, aktualisiert am 09.05.2017

Fit durch Sport: Regelmäßige Bewegung senkt das biologische Alter

iStock/Jacoblund

Da geht noch was: Wer heute in Deutschland geboren wird, lebt im Schnitt ein Jahrzehnt länger als Menschen des Geburtsjahrgangs 1960. Scheinbar ungebremst klettert die durchschnittliche Lebenserwartung nach oben. Derzeit beträgt sie 78 Jahre für Jungen und 83 Jahre für Mädchen. Mit den Bonusjahren und dem zunehmenden Anteil älterer Menschen stellt sich aber auch die Frage: Heißt längeres Leben nicht auch längeres Leiden, zum Beispiel an Gefäßkrankheiten, Demenz oder Nierenversagen, das eine Dialyse erfordert?

Nein, sagen Wissenschaftler der Harvard-Universität in Boston (USA). Im vergangenen Sommer berechneten sie dies am Beispiel 65-jähriger Menschen. Bei diesen sei die durchschnittliche Restlebenszeit seit 1992 lediglich um gut ein Jahr gestiegen – von 17,5 auf 18,8 Jahre. Die darin enthaltene beschwerdefreie Spanne habe sich aber um fast zwei Jahre verlängert – von 8,9 auf 10,7 Jahre. Demnach lebt der Mensch nicht nur länger, sondern auch länger gut.

Gesunder Lebensstil

Der Grund dafür sei ein "dramatischer Rückgang" schwerer Herzerkrankungen, sagt der Studienleiter David Cutler. Sowohl moderne Notfallmedizin als auch Vorsorge und veränderter Lebensstil hätten daran ihren Anteil. Ein gesunder Lebenswandel beinhaltet vor allem Nikotinverzicht, normales Körper­gewicht und ausreichende Bewegung.

Der Einfluss von Zivilisation und Wohlstand auf die Lebenserwartung ist komplex. Vor hundert Jahren senkten medizinischer Fortschritt, nahrhafteres Essen und bessere Arbeitsbedingungen das Sterberisiko insbesondere von jungen Menschen. Dadurch wurden mehr Menschen alt, die mittlere Lebenserwartung stieg.

Dieser Erfolg wurde indes zum Krankheitsrisiko: Altersleiden wie Gelenk- oder Gefäßverschleiß nahmen zu – nun begünstigt durch Wohlstand, der zu Bewegungsarmut, Überernährung und Zigarettenkonsum verleitete. In Dänemark etwa stagnierte zwischen 1977 und 1997 die Lebenserwartung von Frauen, wie Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock zeigten. Der Grund: Im genannten Zeitraum hatte der Anteil der Raucherinnen zugenommen.

Altersleiden treten später auf

Mittlerweile aber scheint das Bewusstsein für solche Gesundheitsrisiken geschärft. Dadurch sinkt auch im Alter die Krankheitsrate, wie die US-Studie zeigt. "Ergebnisse, die einen Zuwachs gesunder Jahre nachweisen, unterstützen die sogenannte Kompressions-Hypothese." So ord­net der Rostocker Gesundheitswissenschaftler Professor Robin Haring die Datenlage ein. Demnach nehmen Alters­leiden zwar zu – einfach weil es mehr alte Menschen gibt. Doch sie treten später auf.

Das biologische Alter rücke also nach hinten, so Haring. Irgendwann jedoch überschreitet der Körper gewissermaßen sein Haltbarkeits­datum: Enzyme und Immun­system reparieren Zellschäden schlechter, die Regeneration verlangsamt sich, der Energie­haushalt wird zunehmend ineffizient. Das erklärt, warum viele Krankheiten stark vom Lebensalter abhängen.

Hängt das Altern von der Ernährung ab?

Doch auch dieses normale Altern lässt sich zu einem gewissen Grad ausbremsen, wie Dr. Martin Denzel aus Studien und Experimenten weiß. "Es gibt verschiedene Theorien dazu", so der Humanbiologe vom Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns. "Eine wichtige Rolle aber scheint der Energieumsatz eines Organismus zu spielen: Wer weniger Kalorien zu sich nimmt, altert langsamer und lebt länger." Wie eine optimale Anti-Aging-Diät aussehen könnte, sei hingegen noch weit­gehend unklar, räumt der Forscher ein. Die Einflüsse seien vielfältig und komplex.

Andere Alternstheorien gehen hingegen von einem Energiedefizit in den Zellen aus. Das könnte insbesondere den Nervenzellen zusetzen. Das Gehirn macht zwar nur zwei Prozent des Körpergewichts aus, verbraucht aber 20 Prozent der gesamten Körperenergie. Der hohe Bedarf kann allem Anschein nach nur in der Jugend umfassend gedeckt werden. Bereits ab dem 40. Lebensjahr schrumpft das Gehirn – bis zum 90. Geburtstag um etwa 30 Prozent. Auch nimmt die Konzentration bestimmter Hirnbotenstoffe stetig ab. Ob beides allein schon ausreicht, um Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson zu verursachen, ist umstritten. Fest steht jedoch, dass das Demenz­risiko mit jedem Lebensjahr steigt.

Bewegung für den Geist

Das sollte man nicht einfach hinnehmen. "Ein gesunder Lebensstil bremst auch geistige Alterungsprozesse", sagt Professor Emrah Düzel, Direktor des Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen in Magdeburg. Bewegung und Normalgewicht tun auch dem Gehirn gut, sagt der Neuro­loge: "Die Nervenfunktion hängt stark von einem intakten Gefäß- und Immunsystem ab." Ähnliches folgerten im Fachmagazin New England Journal of Medicine unlängst die Autoren einer Studie, die verschiedene Altersgruppen untersuchten und einen kontinuierlichen Rückgang des Demenzrisikos ausmachten. Neben Sport und Tabakverzicht scheint auch höhere Bildung das Gehirn zu schützen.

Mehr gute Jahre zu erleben ist also keine Illu­sion. Fragt sich nur, wie weit sich der natürliche Verfall des Körpers aufschieben lässt. Eine Antwort darauf haben möglicherweise Genetiker des Albert Einstein College of Medicine in New York. Sie vermuten das biologische Limit bei den meisten Menschen bei etwa hundert Jahren. Die Anzahl Höchstbetagter oberhalb dieses Alters nehme seit 1990 nicht mehr zu.


Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Haben Sie schon einmal versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages