Eine Pille gegen das Altern?

Weltweit suchen Forscher nach Präparaten, die uns länger jung halten. Ziel ihrer Studien: mehr gesunde Lebenszeit

von Sonja Gibis, aktualisiert am 27.01.2016

Nacktmull müsste man sein. Zugegeben: Eine Schönheit wäre man nicht. Doch dafür würde man vergleichsweise uralt – ohne dabei erkennbar zu altern. Diabetes und Herzinfarkt, geistiger Verfall und Krebs: All das bliebe einem erspart. Zwar sind die Nager schon in ihrer Jugend verknittert wie Greise, doch bleiben sie fit bis ins hohe Alter. "Sie leiden nicht an den alterstypischen Krankheiten", sagt Dr. Matthias Platzer. Gemeinsam mit dem Institut für Zoo- und Wildbiologie in Berlin will der Genetiker am Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena das Geheimnis der Tiere lüften. Während andere Nager wie etwa Mäuse nur mit Glück ihren dritten Ge­burtstag erleben, wird der Nacktmull oft sogar 30. Die Forschung darüber steht aber noch am Anfang.

Bereits in naher Zukunft dagegen wollen einige Wissenschaftler den Menschen gesünder altern lassen – mithilfe einer bewährten Pille. Im Tierversuch konnte das Anti-Diabetes-Mittel Metformin das Leben verlängern. Gleichzeitig häufen sich auch beim Menschen die Hinweise, dass das Präparat nicht nur auf den Blutzucker positiv wirkt. Metformin verbessert die Cholesterinwerte und schützt offenbar vor Krankheiten wie Demenz und Krebs. In einer Langzeitbeobachtung lebten Diabe­tiker, die das Mittel erhielten, sogar länger als Gesunde.


Ein Diabetesmittel gegen das Altwerden?

Eine US-Studie an nicht zuckerkranken Testpersonen soll demnächst klären, ob das Medikament tatsächlich als Anti-Alters-Pille taugt. Einen Durchbruch bedeutet die Untersuchung auf jeden Fall. Darauf weist schon der geplante Titel hin: "Targeting Aging with Metformin". Zu Deutsch: "Das Altern im Visier mit Metformin". Bislang galt Altern in der Medizin als natür­­licher Vorgang – und nicht als Krankheit. Daher konnte auch kein Medikament zugelassen werden, das Altern zum Angriffspunkt hat.

Genehmigt die amerikanische Arzneimittelbehörde die Untersuchung, würde sich das mit einem Schlag ändern. Der Medikamenten-Markt in den USA würde für Wirkstoffe geöffnet, die auf den Alterungsprozess an sich zielen. Das weckt natürlich das Interesse von Pharmafirmen, in die Forschung zu investieren. Auf welche Weise Metformin das Leben verlängert, ist noch unklar. Vermutet wird, dass es in Signalwege von Botenstoffen eingreift, die erwiesener­maßen auch beim Altern eine Rolle spielen. Diese steuern unter anderem den Energiehaushalt unserer Zellen. Wird etwa innerhalb dieses Signalwegs die Bildung eines Enzyms namens TOR gehemmt, schaltet die Zelle in einen Energiesparmodus. Der Stoffwechsel fährt herunter, was die Entstehung von Alterserscheinungen bremst.

Das Altern verstehen

In diesem hochkomplexen System spielt auch das Hormon Insulin eine Rolle, das den Blutzucker reguliert. Dass Metformin hier eingreift, ist offensichtlich: Schließlich ist es seit Jahrzehnten als Anti-Diabetes-Medikament bewährt, senkt also den Blutzucker. Doch wahrscheinlich kann das Präparat noch viel mehr. Viele deutsche Forscher bezweifeln dennoch, dass Metformin ein Jungbrunnen für alle sein wird. Um das Altern auszubremsen, sagen sie, müsse man es erst einmal verstehen. Und bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Warum dem Nacktmull keine grauen Haare wachsen, lässt sich noch leicht beantworten: Er hat keine. Weitaus schwieriger ist das bei anderen typischen Alterszeichen. Die Haut wird faltig, die Gelenke verschleißen, das Immunsystem schwächelt, Krankheiten wie Krebs stellen sich ein. Aber warum? Fest steht: Leben hat Nebenwirkungen. Oxidativer Stress führt zu Schäden, Fehler im Erbgut nehmen zu. Im Körper kommt es zu einer Art chronischer Entzündung. Auch die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, machen schlapp.

Zudem tickt in uns eine biologische Uhr: Die "Zündschnur des Lebens" brennt ab, denn die Telomere verkürzen sich. Diese DNA-Stücke sitzen auf den Enden der Chromosomen, in die das menschliche Erbgut verpackt ist, und schützen sie. Doch jedes Mal, wenn sich die Zelle teilt, schrumpfen die Telomere. "50 bis 70 Teilungen, dann ist die Grenze erreicht", erklärt Professor Lenhard Rudolph, Direktor des Leibniz-Instituts für Alternsforschung in Jena. Die Zellen sterben ab oder gehen in den Zustand der sogenannten Seneszenz über. Sie produzieren dann eine Mischung aus Botenstoffen, die im Körper Entzündungsreaktionen fördern.

Gene, die uns in der Jugend schützen, schaden später

Doch bereits am Nacktmull wird klar: Altern ist kein physikalisches Gesetz, ­­zumindest nicht bei einem lebenden Organismus. Dieser kann Genschäden reparieren, Müll entsorgen, kaputte Proteine recyceln. Sogar verkürzte Telomere können mithilfe des Enzyms Telo­merase wieder wachsen. "Die Fähigkeit, Schäden zu reparieren, ist von Organismus zu Organismus allerdings sehr verschieden ausgeprägt", erklärt Alternsforscher Lenhard Rudolph. Die biologische Grundausstattung von Spitzmaus und Wal etwa unterscheidet sich erstaunlicherweise kaum. Dennoch ist der kleine Nager mit zwei Jahren schon ein Greis, während so mancher Grönlandwal mit 200 noch topfit durch den Ozean schwimmt.

Im Vergleich mit den meisten anderen Tieren ist der Mensch, was die Lebenserwartung angeht, ein "Ausreißer nach oben". Doch irgendwann altert auch er. "Gene, die in der Jugend schützen, schaden dann sogar", erklärt Rudolph. Im jungen Organismus verhindern sie etwa Krebs, im Alter verursachen sie ihn. Spätestens mit 120 Jahren, so glauben Forscher, ist Schluss. Dennoch lässt sich das Altern im Labor verlangsamen. Oft greifen Wissenschaftler dabei in die Signalwege ein, die wohl auch hinter der lebensverlängernden Wirkung von Metformin stehen. Dies gelingt etwa über das Erbgut.


Hungern verlängert in Labortests das Leben

"Indem man bestimmte Gene aktiviert oder abschaltet, kann man die Lebenserwartung erhöhen", erklärt Dr. Sebastian Grönke vom Kölner Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns. Forschern gelang es, auf diese Weise die Lebenszeit von Fadenwürmern und Fruchtfliegen zu verdoppeln. Mäusen verhalfen sie immerhin zu einem um die Hälfte längeren Leben. Eine weitere, an Tieren gut erforschte Methode für längeres Leben: Hungern. Auch darüber lässt sich der Energiehaushalt der Zelle beeinflussen. "Die Ergebnisse sind durchaus auf andere Organismen übertragbar", sagt Grönke. Das heißt: Was beim Fadenwurm klappt, klappt oft bei der Maus – und vielleicht sogar beim Menschen. Das könnte auch für die Lebensverlängerung durch Metformin gelten. Wird das Mittel die erste echte Anti-Aging-Pille?

"Es gibt erfolgversprechendere Kandidaten", meint Experte Grönke. Einer davon: Rapamycin. Das Medikament, das Patienten nach einer Organtransplantation erhalten, konnte in Studien das Leben von Mäusen deutlich besser verlängern als Metformin. Offenbar wirkt es ähnlich wie eine dauerhafte Hungerkur und zögert alterstypische Leiden hinaus. Doch es kann schwere Nebenwirkungen haben. Wer es einnimmt, ist etwa anfälliger für Infekte.

Hungerkuren nicht empfehlenswert

Denkbar wäre es laut Grönke jedoch, Rapamycin so zu verändern, dass schädliche Wirkungen ausbleiben. Oder generell andere Präparate zu entwickeln, die die Anti-Aging-Effekte der Kalorienreduktion imitieren – ohne einem dabei das Leben zu versauern. Denn die Hungerkur, bei der mindestens ein Viertel weniger Kalorien aufgenommen wird als der Tagesbedarf, würde zu einer Unterernährung führen. Bislang hat das verlängerte Leben aber stets Schattenseiten. So sind langlebige Fruchtfliegen weniger fruchtbar, Test-Mäuse "erkauften" sich das längere Leben mit Kleinwüchsigkeit. Hungern ist zudem im Alter nicht zu empfehlen. Zellen brauchen nach Rudolphs Erkenntnissen dann wieder mehr Glukose.

Die Hungerkur hemmt außerdem das Immunsystem. "Der Preis für gesünderes Altern wäre Schwäche", so der Experte. Und: Bei den Tieren ließ sich das Leben nur dann deutlich verlängern, wenn Dauerdiät oder Medikamentengabe schon im mittleren Alter begonnen hatten. Die US-Forscher wollen Metformin aber an Menschen zwischen 70 und 79 Jahren testen. Doch auch wenn die Anti-Aging-Hoffnung Metformin eine Sackgasse sein sollte: "Wir können einzelne krank machende Prozesse bekämpfen", ist Rudolph überzeugt. Etwa das Altern der adulten Stammzellen.

Keine ewige Jugend

Sie erneuern bei Erwachsenen das Gewebe und bilden die Zellen des Immunsystems. Mit der Zeit funktioniert das schlechter, Krebs wird häufiger. Rudolph hat begonnen, Wirkstoffe dagegen zu entwickeln. "Die vergangenen Jahrzehnte waren Grundlagenforschung", sagt sein Kollege Grönke. Jetzt sei die Zeit reif, die Erkenntnisse am Menschen anzuwenden.

Um ewige Jugend wird es dabei nicht gehen, sondern um mehr gesunde Lebensjahre. "Man kann das Altern nicht einfach abschalten." Vor dem Tod ist letztlich niemand sicher. Auch nicht der Nacktmull. Finden Forscher ein totes Tier im Gehege, können sie aber äußerlich nicht erkennen, ob es alt ist oder jung. Woran es starb, bleibt meist ein Rätsel. Eins scheidet allerdings aus: Altersschwäche.



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