Können Allergien wieder verschwinden?

Immer mehr Menschen leiden unter Heuschnupfen, allergischem Asthma & Co. Allergien kommen plötzlich und bleiben meistens ein Leben lang – allerdings nicht immer

von Bettina Dobe, aktualisiert am 14.04.2016

Plötzlich nicht mehr allergisch: Manchmal passiert das wirklich

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Der Traum eines jeden starken Allergikers ist wohl der: Eines Morgens wacht er auf und kann wieder befreit atmen. Genauso plötzlich, wie sie gekommen ist, ist die Allergie wieder verschwunden. Im Sommer draußen joggen, ein Glas Milch trinken oder Nickelschmuck tragen, das wäre auf einmal möglich. Für viele Allergiker bleibt das aber nur – ein Traum: Zwar kann ein Arzt vielen Betroffenen mit einer Hyposensibilisierung helfen. In kleinen Dosen gewöhnt sich das Immunsystem bei dieser Therapie wieder an das Allergen, zum Beispiel an Gräser. Aber kann eine Allergie tatsächlich von ganz allein, ohne ärztliche Hilfe verschwinden?

Spontane Toleranzentwicklung ist möglich

Grundsätzlich ist das Immunsystem Lebensmitteln, Pollen oder Metallen gegenüber "tolerant", es reagiert also nicht. Deshalb sprechen Mediziner auch von "spontaner Toleranzinduktion", wenn Allergien von allein wieder verschwinden. Der Körper verträgt auf einmal die einst irrtümlich von ihm bekämpften Lebensmittel wieder, ohne dass ein Arzt oder Apotheker nachgeholfen hat. "Das gibt es durchaus", sagt Professor Thomas Werfel, Dermatologe an der Medizinischen Hochschule Hannover und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinischen Immunologie (DGAKI).


Die Chance, dass eine Allergie sich verliert, ist bei Kindern wesentlich höher als bei Erwachsenen

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Vor allem bei Nahrungsmittelallergien treten diese spontanen Selbstheilungen auf. "Sehr häufig kommt das bei Kindern mit einer Kuhmilchallergie vor", so Werfel. Kein Wunder: Die Unverträglichkeit von Kuhmilch ist eine der häufigsten Allergien bei Kindern. Auch bei anderen Allergien, etwa gegen Pollen oder Insektengifte, kann es zu plötzlichen Verbesserungen kommen. Die Zahlen sind beeindruckend: "Bei Kuhmilchallergien verschwinden mehr als 50 Prozent der Allergien vor Erreichen der Pubertät wieder", sagt Werfel. Andere Lebensmittelallergien, wie etwa beim Hühnerei, weisen ebenfalls hohe Raten der Selbsttoleranz auf. "Sogar bei der Erdnussallergie liegt die Rate bei etwa 20 bis 30 Prozent. Das ist viel höher, als man früher dachte", erklärt Werfel.

Kreuzallergie ade?

Sogar Kreuzreaktionen, etwa zwischen Äpfeln und Pollen, können manchmal verschwinden. "Es gibt Patienten, die nach einiger Zeit wieder Äpfel essen können, obwohl dies jahrelang nicht möglich war", erläutert Werfel. Da aber Kreuzallergien ohnehin meist Schwankungen unterworfen seien, also etwa einige Pollenallergiker im Winter durchaus Äpfel essen könnten, sei dies weniger aussagekräftig. Für Lebensmittelallergien im Kindesalter ist die Chance für das spontane Einsetzen der Verträglichkeit also recht hoch. Für Menschen mit Kontaktallergien hat Werfel dagegen eine schlechte Nachricht: "Die gültigen Leitlinien besagen, dass Kontaktallergien ein Leben lang bleiben." Zumindest sei es nicht gut untersucht, ob diese Art der Allergie wieder vergehe.


Frau liegt in Wiese

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Je älter der Mensch, desto seltener verschwindet die Allergie

Nicht nur manche Kinder gehören zu den Glücklichen. Auch bei Erwachsenen wurde die spontane Toleranzinduktion schon beobachtet. "Je älter man ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Allergie verschwindet", sagt Werfel. Im Erwachsenenalter passiere so etwas sehr selten, nur in Einzelfällen vergehen Allergien wieder. "Es ist sehr unwahrscheinlich – aber nicht unmöglich", so Werfel. Niemand kann vorhersagen, wann und ob ein Mensch ein Lebensmittel oder Pollen wieder ohne allergische Reaktion verträgt. Denn die Ursache ist immer noch unbekannt.

Unbekannte Ursache für die Toleranzinduktion

Warum genau das Immunsystem auf einmal nicht mehr so stark reagiert, weiß niemand. "Allergen-spezifische T-Lymphozyten scheinen eine Schlüsselrolle zu spielen", sagt Werfel. Die T-Zellen sind die Abwehrwächter des Immunsystems. Bei der Toleranzinduktion verändern sich T-Lymphozyten und deren Botenstoffe, sodass sich die allergische Reaktion gegen bestimmte Stoffe abschwächt. Der Grund für die Veränderung ist jedoch unbekannt. "Die immunologische Reaktion ist danach aber nicht verschwunden", erklärt Werfel. "Sie ist dann nur so geartet, dass die Patienten keine Reaktionen mehr entwickeln." Im Blut können Ärzte immer noch Hinweise auf eine Sensibilisierung auf bestimmte Stoffe nachweisen, der Betroffene leidet nur nicht mehr an Rötungen, Schwellungen oder schlimmeren allergischen Reaktionen.

Eines wissen die Ärzte aber: "Patienten, die nicht hochgradig allergisch sind, haben eine höhere Chance, die Allergie wieder zu verlieren", sagt Werfel. Je heftiger also die Reaktion, desto unwahrscheinlicher, dass sich der Körper selbst heilt.

Aber – ganz wichtig: Auch Menschen, die nur leichte Allergiesymptome spüren, sollten sich keinesfalls darauf verlassen, dass die Beschwerden schon von selbst wieder verschwinden werden. Eine frühe Abklärung und Beratung durch den Arzt ist bei jedem Allergieverdacht wichtig. Mit dem Arzt sollte auch die individuell passende Therapie geplant werden.

Regelmäßige Untersuchungen bei Kindern mit Allergien

Weil niemand vorhersehen kann, ob eine Allergie im Kindesalter schon wieder verschwunden ist, raten Ärzte dazu, betroffene Kinder regelmäßig untersuchen zu lassen, ob sie etwa Milch wieder vertragen. "Das sollte aber auf keinen Fall zu Hause geschehen", warnt Werfel. Wer ohne ärzliche Überwachung in Eigenregie experimentiert, riskiert ernste Folgen – schlimmstenfalls einen lebensgefährlichen anaphylaktischen Schock! Wurde etwa bei einem Säugling eine Allergie auf Kuhmilch festgestellt, kann der Arzt nach einem Jahr testen, ob das Kind immer noch genauso allergisch ist oder sich die Symptome gebessert haben. Je älter ein Allergiker ist, desto geringer sind die Chancen auf spontane Toleranzinduktion. "Bei bestimmten Allergien kann der Arzt dann mit einer Desensibilisierung helfen", sagt Werfel. Die Desensibilisierung (Hyposensibilisierung, spezifische Immuntherapie) ist auch eine Toleranzinduktion – nur ist sie eben nicht spontan, sondern dauert oft Monate. Aber mit einer Behandlung können zum Beispiel Pollenallergiker oft wieder befreit durchatmen.



Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Photos.com, iStock/skynesher

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