Sommer bedeutete für Claudia Kalesse früher: drinnen bleiben, Fenster und Türen schließen, die Pollen aussperren. Seit ihrer Kindheit machten der 47-jährigen Lehrerin aus Berlin zwischen März und Oktober Baum- und Gräserpollen zu schaffen.
Ihr Immunsystem antwortete auf die eigentlich harmlosen Stoffe mit einer überschießenden Reaktion: Nießanfälle, Fließschnupfen, juckende, lichtempfindliche Augen und Atembeschwerden.
Claudia Kalesse schluckte Kortison und Antihistaminika, versuchte es mit Akupunktur und Homöopathie – ohne Besserung. „Ich zieh in den Keller oder gleich an den Nordpol“, dachte sie sich halb im Scherz, halb im Ernst. Das war vor vier Jahren. Heute genießt sie den Sommer im Freien und kümmert sich um ihr Pferd. Eine Spritze alle vier Wochen befreite sie von den Symptomen der Allergie.
Das Allergen geht unter die Haut
Claudia Kalesse hat eine spezifische Immuntherapie (SIT) gemacht, auch Hypo- oder Desensibilisierung genannt. Dabei wird der Körper an eine höhere Dosis des Allergens gewöhnt. Dieses wird regelmäßig unter die Haut gespritzt (subkutan) oder als Tablette unter die Zunge gelegt (sublingual). „Offensichtlich entwickelt der Körper eher eine Allergie, wenn man geringe Mengen des Allergens einatmet“, erklärt Professor Ludger Klimek vom Allergie-Centrum Wiesbaden.
„Werden dagegen höhere Dosen über die Haut oder die Schleimhäute aufgenommen, erreicht man eine Toleranz-Reaktion.“ Nur bei etwa einem Prozent der Patienten kommt es zu Juckreiz und Rötungen an der Einstichstelle. Reaktionen am ganzen Körper oder gar allergische Schocks (Anaphylaxien) treten noch viel seltener auf. Bei der
„Wir raten jedoch eher davon ab, mit der Therapie während der Pollensaison zu beginnen“, sagt Dr. Julia Kroth von der Klinik für Dermatologie an der Universität München. „Das würde den Körper zusätzlich belasten und das Risiko einer allergischen Reaktion erhöhen.“ Viele Betroffene fangen deshalb mit der ersten Spritze oder Tablette im Herbst an. Kurzzeit-Varianten der Therapie beginnen erst vier Wochen vor dem Pollenflug, sind aber kaum erprobt.
Am besten untersucht ist die subkutane Methode. „Sie beugt Asthma vor und verhindert weitere Sensibilisierungen. Für die Immunisierung mittels Tablette gibt es keine Daten. Auch ein direkter Vergleich zwischen subkutaner und sublingualer Therapie existiert nicht“, erläutert Kroth.
Tablette oder Spritze? „Das ist eine individuelle Entscheidung“, sagt Ludger Klimek. „Mit der subkutanen Therapie erreicht man bei schwergradigen Allergien bessere Ergebnisse.“ Reagiert ein Patient auf viele Stoffe, genügt es oft, gegen zwei bis drei Leit-Allergene zu immunisieren. „Damit erzielt man eine deutliche Besserung, wenn auch keine Beschwerdefreiheit“, so Klimek.
Claudia Kalesse konnte sich wenige Monate nach der ersten Spritze den Traum vom eigenen Pferd erfüllen. Nur in der Hochsaison hat sie damals noch Medikamente genommen. Die vielen Termine in der Klinik – zuerst jede Woche, dann monatlich – haben sie nicht gestört. „Mein Leidensdruck war so groß, ich wäre auch täglich hingefahren.“
Drei Jahre dauerte ihre Immuntherapie. Je nach Stärke von Allergie und Beschwerden geht es auch kürzer. Wer an Heuschnupfen aufgrund einer Gräserpollenallergie leidet, keine Spritzen möchte oder einen vollen Terminkalender hat, kann zu Hause Tabletten mit dem Wirkstoff anwenden. Spritzen sind für fast alle Baum- und Gräserpollen sowie Insektengift, Hausstaubmilben, Tierhaare (Hunde, Katzen oder Pferde) und Schimmelpilze verfügbar.
Bei Kontakt- und Nahrungsmittelallergien wirkt die Immunisierung nicht. Claudia Kalesse ist heute beschwerdefrei. Ihre Chancen stehen gut, dass dies so bleibt. Ludger Klimek: „Manche brauchen nach etwa zehn Jahren eine Auffrischung, aber bei vielen hält der Schutz ein Leben lang.“
Nadja Katzenberger / Apotheken Umschau;
29.10.2010
Bildnachweis: W&B/Michael Hughes
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