Hyposensibilisierung: Allergien bekämpfen

Mithilfe einer Desensibilisierung gewöhnt sich der Körper an das Allergen. Die Therapie funktioniert gut, wird aber selten eingesetzt

von Diana Engelmann, aktualisiert am 15.04.2015

Ein Ausflug ins Grüne kann für Allergiker unangenehm werden

Fotolia/Drubig Photo

Pollen fliegen, Nasen laufen, Augen tränen. Und die Papiertaschentuchhersteller freuen sich. Sie verzeichnen steigende Umsätze, wenn Blumen und Bäume zu blühen beginnen. Der April gehört zu den verkaufsstärksten Monaten. Der Frühling ist für die Produzenten von Hygieneartikeln das Gleiche wie für den Einzelhandel die Vorweihnachtszeit.

Viele Allergiker dagegen fürchten diese Monate des Jahres. Dann kämpfen sie gegen Heuschnupfen und allergisches Asthma. Bei Neurodermitikern verschlechtert sich in der Pollensaison häufig der Hautzustand. Die Zahl der betroffenen Menschen ist groß: Etwa 9,5 Millionen der Erwachsenen in Deutschland leiden unter Heuschnupfen und rund 5,5 Millionen der Erwachsenen haben schon einmal die Diagnose Asthma erhalten, wie eine Erhebung des Robert Koch-Instituts zeigt.


Immuntherapie gegen Heuschnupfen

Und das, obwohl es eine Therapie gibt, die vor allem Heuschnupfen heilen kann oder zumindest die Beschwerden deutlich verringert: die Immuntherapie. "Die ­Erfolgsrate liegt bei etwa 80 Prozent", sagt Professor Albrecht Bufe. Der Allergologe und Kinderarzt leitet die Abteilung für ­­Experimentelle Pneumologie an der Ruhr-Universität in Bochum. Er schätzt, dass ­etwa 10 bis 15 Prozent der erfolgreich Behandelten beschwerdefrei werden. Bei den restlichen verbesserte sich der Zustand so, dass sie keine Medikamente mehr nehmen müssen. In einigen Fällen können die Patienten ­­zumindest starke Mittel wie Kortikoide weglassen.

Die Immuntherapie bekämpft als einzige nicht die Symptome der Krankheit wie geschwollene Schleimhäute, sondern setzt bei der Ursache an: dem überrea­gie­ren­den Abwehrsystem. Das Prinzip der auch als Hyposensibilisierung bekannten Behandlung beruht darauf, dass dem Körper die Allergene, auf die das Immunsystem übermäßig anspricht, kontrolliert zugeführt werden. So kann es sich an die Stoffe gewöhnen. Bei Heuschnup­­fen-­Patienten sind das Pollen von Gräsern und Bäumen. Vor allem die Blütenstäube von Birke, Erle, Hasel, Olivenbaum, Beifuß, Traubenkraut, Wiesenliesch- und Honig­­gras machen ihnen zu schaffen. 

Warum wird die Hyposensibilisierung nur selten eingesetzt?

Die von der WHO als Standardtherapie empfohlene Behandlung wird aber in Deutschland viel seltener eingesetzt, als ihr erwarteter Erfolg vermuten lassen würde. Im Jahr 2010 erhielten laut einer Studie von Gesundheitsökonomen aus Essen gerade einmal sieben Prozent der Heuschnupfen-­Patienten eine Immuntherapie, bei den Asthmatikern waren es mit fünf Prozent noch weniger.

Die Wissenschaftler untersuchten, warum nur etwa zehn Prozent der Menschen mit allergischen Erkrankungen der Atemwege so behandelt werden, wie es die Therapie-Empfehlungen für Ärzte vorgeben. Dafür ­werteten sie die Daten von mehr als neun ­Millionen gesetzlich krankenver­sicher­ten Patienten aus.

Nachteile: Schlechte Vergütung für Ärzte, aufwendige Therapie

Professor Wolfgang Wehrmann, niedergelassener Dermatologe und Allergologe in Münster sowie Mitautor der Studie, sieht einen Hauptgrund für die schlechte Versorgung dieser Pa­tienten­gruppe darin, dass die Krankenkassen allergologische Leistungen nicht ausreichend vergüten. "Je nach Kassenärzt­licher Vereinigung erhält etwa ein Dermatologe zwischen 13 und 22 Euro pro Patient und Quartal", sagt Wehrmann. Die Kosten für die aufwendige Dia­­gnos­tik und Behandlung liegen aber deutlich über diesen Beträgen.

In der Studie betrachteten die Forscher den Zeitraum von 2007 bis 2010. Als 2009 eine Refom in Kraft trat, welche die Vergütung von Ärzten für gesetzlich versicherte Patienten neu regelte, gab es einen Knick bei der Häufigkeit der Behandlungen. Damals wurden Budgets festgelegt, die Ärzte von den Kassen für bestimmte Leistungen erhalten. Wehrmann: "Seitdem gingen die Zahlen bei der allergologischen Diagnostik und den Immuntherapien deutlich zurück."

Hinzu kommt, dass einige Betroffene die Hyposensibilisierung zu früh abbrechen. "Die Therapie ist sehr aufwendig, und die Patienten müssen sie mindestens drei Jahre durchhalten, wenn sie erfolgreich sein soll", sagt Bufe. Anfangs muss man jede Woche zum Arzt, um sich die Allergene spritzen zu lassen. Das erfordert Zeit und Geduld.

Später vergrößern sich die Abstände. Manch einer glaubt nicht mehr an ­­einen Erfolg, wenn er nach einiger Zeit keine Besserung feststellt. "Oder die Beschwerden haben bereits so sehr ­abgenommen, dass er denkt, er sei ­­geheilt", sagt Allergologe Bufe.



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