Im Frühling erwachen die Lebensgeister. Doch für viele Menschen beginnt eine Zeit des Rückzugs, der Einschränkungen, der laufenden Nase und der roten Augen. Es ist die Zeit der Pollen. Auf den Blütenstaub von Bäumen, Gräsern oder Kräutern reagiert fast jeder fünfte Bundesbürger allergisch: Das Immunsystem verkennt die harmlosen Pflanzenteile als gefährliche Eindringlinge und löst lästige Entzündungen in Nase, Rachen und Augen aus.
Doch die Zahl der Leidenden könnte bald kleiner werden. Seit einigen Jahren gibt es Tabletten, die gegen Heuschnupfen ursächlich wirken und diesen dauerhaft abmildern sollen. „Die Studienlage zur sogenannten Gräsertablette wird immer besser“, sagt Professor Albrecht Bufe, Leiter der Abteilung für experimentelle Pneumologie an der Ruhr-Universität Bochum.
Diese Bäume und Gräser lösen oft eine Allergie aus
Hainbuche
1/15
2/15
Pappel
3/15
Esche
4/15
Erle
5/15
6/15
7/15
8/15
Gräser
9/15
10/15
Ambrosia
11/15
12/15
Platane
13/15
14/15
Roggen
15/15
Das Prinzip beruht auf der spezifischen Immuntherapie (SIT), die bereits 100 Jahre alt ist: Verabreicht man einem Pollenallergiker den Auslöser seiner Beschwerden in geringer Dosis und unter ärztlicher Kontrolle, dann kann dies sein Immunsystem „desensibilisieren“. Es lernt gewissermaßen, die betreffende Substanz – das Allergen – zu tolerieren. Üblicherweise muss dieses dafür allerdings drei Jahre lang gespritzt werden. Verschiedene Studien haben nun aber gezeigt, dass die Desensibilisierung auch per Tropfen oder Tablette gelingen kann – zumindest wenn es gilt, die Überempfindlichkeit auf die Pollen von Gräsern oder Birken zu dämpfen.
Wie das im Detail funktioniert, darüber sind sich die Experten noch nicht ganz einig. „Die Immuntherapie stimuliert regulatorische T-Zellen“, nennt Professor Torsten Zuberbier von der Berliner Charité den Hauptmechanismus. Diese halten Immunreaktionen normalerweise im Zaum und helfen so mit, „Freund“ und „Feind“ zu unterscheiden. „Bei Allergikern ist ihre Aktivität vermindert“, erklärt der Sprecher des Allergiezentrums. „Die Desensibilisierung wirkt dem entgegen.“
Der Hautarzt Dr. Thomas Kündig vom Universitätsspital Zürich nimmt hingegen an, dass die maßgebliche Wirkung der Behandlung auf Antikörper zurückzuführen sei, welche die allergische Reaktion blockieren. „Es spielen mit Sicherheit einige Dinge eine Rolle, die noch nicht hundertprozentig verstanden sind“, betont Zuberbier.
Klar ist zumindest, dass die Immuntherapie – ob per Spritze oder Tablette – die Allergie ursächlich bremst und so über die Behandlungsdauer hinaus lindert oder gar ganz abstellen kann. „Heuschnupfen lässt sich damit im günstigsten Fall heilen“, sagt Torsten Zuberbier.
Andere Mittel gegen Heuschnupfen, wie Kortisonspray, Cromoglicinsäure oder die verschiedenen Antihistaminika, wirken hingegen rein symptomatisch. Ihr Einsatz sei dennoch sinnvoll, führt Albrecht Bufe aus: „Symptome lassen sich damit wirkungsvoll und schnell unterdrücken. Außerdem führt die Immuntherapie häufig nicht zur völligen Beschwerdefreiheit, sodass zusätzliche Medikamente erforderlich bleiben.“
Eine Behandlungsmethode besteht möglicherweise auch darin, die Schleimhäute lokal vor Pollen zu schützen. Kinderärzte der Universität Göteborg (Schweden) konnten die Beschwerden ihrer Patienten mit einem Zellulosepräparat verringern, wenn die Kinder dieses dreimal täglich schnupften. Geforscht wird auch an weiteren Alternativen. So soll beispielsweise Pinienrindenextrakt eine positive systemische Wirkung auf die Birkenpollenallergie besitzen, wie eine kanadische Studie angedeutet hat.
„Bei solchen pflanzlichen Medikamenten weiß man jedoch oft nicht, welche chemische Komponente nun eigentlich genau wirkt“, gibt Bufe zu bedenken. Lassen sich die Symptome des Heuschnupfens und die Reaktionen des Immunsystems im Blut eindeutig einander zuordnen, empfehlen Experten allerdings im Regelfall die Immuntherapie – unter anderem deshalb, weil zumindest die Desensibilisierung per Spritze auch allergischem Asthma entgegenwirkt, also möglicherweise vor dieser ernsten Spätfolge des Heuschnupfens schützt. Erste Untersuchungen zeigen solch einen vorbeugenden Effekt ebenfalls bei Gräsertabletten. „Man kann davon ausgehen, dass das ebenso gut funktioniert“, ist Torsten Zuberbier überzeugt. Hat man die Allergie einmal im Griff, kann man sich auch auf den Frühling freuen.
Dr. Christian Guht / Apotheken Umschau;
19.05.2010, aktualisiert am 15.05.2012
Bildnachweis: W&B/Bernhard Huber
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