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Allergisch gegen Medikamente?

Allergien gegen Arzneistoffe werden oft unterschätzt. Warum intensive Aufklärung so wichtig ist


Unerwünschter Effekt: Manche Menschen reagieren zum Beispiel auf Antibiotika oder auf den Entzündungshemmer Diclofenac allergisch

Arzneimittel-Allergiker sind offenbar auch dann langfristig gefährdet, wenn bekannt ist, auf welchen Wirkstoff sie reagieren. Das berichtet Professor Thomas Fuchs, Allergologe und Dermatologe an der Hautklinik der Universitätsmedizin Göttingen, im Journal of Allergy and Clinical Immunology. „Die Patienten vergessen oder ignorieren die Empfehlungen ihres Allergologen mit der Zeit“, sagt er. Die Folgen können schwerwiegend sein: Im schlimmsten Fall droht ein lebensgefährlicher Schock.

Die Arbeitsgruppe um Fuchs hatte 80 Patienten mit bekannter Allergie auf Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Diclofenac oder Ibuprofen einige Jahre nach der Diagnose befragt. 41 Prozent hatten das allergieauslösende Medikament gegen den Rat ihres Arztes erneut eingenommen.


Entweder hatten sie den Allergieauslöser nach einigen Jahren vergessen oder es versäumt, den Beipackzettel auf entsprechende Inhaltsstoffe zu prüfen. Manchmal verordneten auch Ärzte den Wirkstoff, weil sie nichts von der Allergie wussten. Drei Patienten nahmen das betreffende Schmerzmittel absichtlich ein, um zu testen, ob erneut eine Reaktion auftrat. Vor solchen Selbstversuchen warnt Fuchs eindringlich: Neben juckenden Hautausschlägen und Übelkeit kann es zu lebensbedrohlichen anaphylaktischen Reaktionen mit Atemnot, Kreislaufbeschwerden und Organversagen kommen.

Auch Antibiotika wie Penicillin und Tetrazykline lösen häufig Allergien aus. Gelegentlich reagieren die Betroffenen nicht auf den Wirkstoff, sondern auf Farb-, Aroma- oder Konservierungsstoffe. „Fast alle Wirk- und zahlreiche Hilfsstoffe haben ein gewisses Allergiepotenzial“, betont der Frankfurter Chemiker Dr. Carsten Siebert. „Wer auf ein Arzneimittel allergisch reagiert, hat zudem ein höheres Risiko, weitere Allergien auf Wirkstoffe mit ähnlicher Struktur zu entwickeln.“ Diese können gegen ganz andere Erkrankungen wirken. „Eine allergische Reaktion hängt nicht vom Einsatzgebiet des Arzneimittels ab, sondern von seiner chemischen Struktur“, sagt Siebert, der eine Datenbank zur Erfassung von Arzneimittelallergien entwickelt hat.

Anhand dieser Daten können Apotheker vor Abgabe eines Medikaments das Allergie-Risiko des Patienten prüfen. „Wirkstoffe mit verwandter Struktur haben wir in Allergiegruppen eingeteilt“, sagt Siebert. „Der Apotheker gibt ein, auf welches Medikament der Patient allergisch reagiert, und bei der Abgabe eines Wirkstoffs mit ähnlicher Struktur erscheint ein Warnhinweis.“ Diese Prüfung umfasst neben Wirk- auch Hilfsstoffe und pflanzliche Substanzen.

Der Apotheker kann zwar keine Diagnose stellen, aber den Patienten bei Verdacht auf eine Allergie zum Arzt schicken. Fuchs rät Betroffenen, immer einen Allergiepass bei sich zu haben. Dann erkennen die Ärzte sofort, welche Medikamente gefährliche Reaktionen auslösen können. „Die Patienten sollten die Ärzte außerdem aktiv auf ihre Allergie hinweisen“, empfiehlt Fuchs.

Die wirksamste Therapie bestehe darin, die Auslöser konsequent zu meiden. Neue Medikamente sollten die Betroffenen nur nach Rücksprache mit ihrem Arzt einnehmen. Wer nach der Einnahme eines Arzneimittels auffällige Symptome wie juckende Hautausschläge beobachtet, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen. „Unsere Untersuchung hat gezeigt, wie wichtig die intensive Aufklärung von Menschen mit Arzneistoff-Allergien ist“, betont Fuchs. Den Betroffenen empfiehlt er, ein Jahr nach der Diagnose erneut zum Allergologen zu gehen.



Barbara Kandler-Schmitt / Apotheken Umschau; 09.12.2011
Bildnachweis: Getty Images/Photo Alto

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