Nadel-Plan: Die chinesische Lehre geht davon aus, dass Energiebahnen – Meridiane – durch den Körper laufen
Von der linken bis zur rechten Brustwarze sind es acht Cun, vom Bauchnabel bis zum Schambein fünf Cun“, sagt Professorin Xin Ming aus China. Diese Angaben hören sich für uns höchst ungenau an, gelten in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) jedoch als wichtige Anhaltspunkte: Mithilfe der Maßeinheit Cun (sprich Tsun) können Akupunkteure die Positionen ermitteln, an denen sie ihre Nadeln setzen müssen – egal, ob ihr Patient groß und dünn ist oder klein und dick.
Trotzdem gehören jede Menge Übung und Erfahrung dazu, auf den Leitbahnen, die sich der fernöstlichen Lehre zufolge durch den Körper ziehen, die richtigen Punkte zu treffen. Xin, so der Familienname der Professorin, hat dafür zehn Semester an der Universität für TCM in Peking studiert. Seit gut einem Jahr wendet sie ihr Wissen im bayerischen Bad Kötzting an. Hier wurde 1991 die erste deutsche Klinik für Traditionelle Chinesische Medizin gegründet.
„Zhen jiu“ heißt die Akupunktur in ihrem Mutterland China, wörtlich übersetzt Stechen und Brennen, weil die Akupunkturpunkte häufig zusätzlich erwärmt werden (Moxibustion). Neben Massagetechniken (zum Beispiel Tuina, Shiatsu) und Bewegungsübungen (Qigong, Tai-Chi), einer speziellen Arzneitherapie und Ernährungslehre, gilt Zhen jiu als eine der fünf Säulen der traditionellen chinesischen Medizin.
„Erstmals schriftlich erwähnt wurde die Akupunktur vor rund 2000 Jahren“, sagt Xin. Bei Ausgrabungen habe man jedoch Utensilien gefunden, die auf weitaus frühere therapeutische Anwendungen hindeuten, darunter Nadeln aus geschliffenen Steinen, Bambus und Bronze.
Wie in der östlichen Lehre die Diagnose erstellt und therapiert wird, unterscheidet sich deutlich von unserer westlichen Medizin: Während die Schulmedizin Kopfschmerzen je nach Symptomen als Migräne, Spannungs- oder Clusterkopfschmerz – oder eine der vielen weiteren Arten von Kopfschmerzen – einstuft und entsprechend medikamentös behandelt, ermittelt die asiatische Philosophie die Auslöser: beispielsweise ein „Übermaß an Yang“ oder eine „Blutschwäche“. Je nachdem werden die Nadeln dann an unterschiedlichen Punkten gesetzt.
„Rein theoretisch können fast alle Erkrankungen mit Akupunktur behandelt werden“, sagt Xin. Dr. Helmut Rüdinger, Facharzt für Allgemeinmedizin in Hamburg mit Zusatzausbildung Akupunktur, präzisiert: „Bei Patienten mit Diabetes oder einem stark erhöhten Cholesterinspiegel wäre Akupunktur als alleinige Therapie jedoch ein Kunstfehler.“ Auch bei Tumorerkrankungen sind die Nadelstiche keine Option. „Akupunktur kann aber eine Krebsbehandlung begleiten, etwa wenn während der Chemotherapie Übelkeit und Erbrechen auftreten“, erklärt Rüdinger.
Entspannung gehört dazu
Eine große Rolle spielen bei der Akupunkturbehandlung auch Atmosphäre und Ambiente. Die Räumlichkeiten, in denen genadelt wird, sind deshalb oft im asiatischen Stil eingerichtet. Wenn der Patient es wünscht, läuft beruhigende Musik. Der Therapeut nimmt sich viel Zeit. Abhängig davon, in welcher Körperregion genadelt werden soll, bleibt der Patient entweder bekleidet oder macht sich frei, er sitzt oder liegt bequem auf einer Liege.
Anders als ihre historischen Vorläufer sind die Akupunkturnadeln heute meistens aus Edelstahl, seltener aus Gold oder Silber. Die Akupunkteure haben die Wahl zwischen verschiedenen Nadel-Sets, von kurz und dünn bis lang und dick. „Wenn ich jemandem in die Po backen stechen muss, brauche ich natürlich längere Nadeln als am Kopf“, sagt Xin.
Bis die Nadeln – normalerweise zehn bis fünfzehn Stück, gelegentlich aber auch nur zwei oder aber dreißig bis vierzig – richtig platziert sind, vergehen etwa fünf Minuten. Anschließend bleiben sie dort für eine gute halbe Stunde. Während dieser Zeit darf sich der Patient leicht bewegen und kann mit dem Therapeuten reden oder seinen eigenen Gedanken nachhängen. Xin: „Entspannung ist in der traditionellen chinesischen Medizin ein wichtiger Teil der Behandlung.“
Schulmedizin trifft TCM
So sieht es auch Rüdinger. Schon vor 28 Jahren machte er eine internationale Zusatzausbildung in Akupunktur, die er mit einem Praktikum in Peking abschloss. Viele Patienten suchten ihn ursprünglich wegen ihrer Schmerzen auf. Erst als sie die beruhigende Wirkung der Nadeln spürten, merkten sie, wie sehr sie eigentlich unter Stress standen. „Jetzt“, so Rüdinger, „kommen sie auch ohne Schmerzen weiterhin zu mir in die Praxis und lassen sich akupunktieren – nur um zu entspannen.“
Bei seinen langjährigen Patienten weiß Rüdinger normalerweise, ob sie lieber mit der sanften chinesischen Alternative behandelt werden möchten oder mit schulmedizinischer Arznei. Bei Problemen mit dem Bewegungsapparat wendet er meistens beide Verfahren parallel an. „Wenn ein Patient leidet, empfehle ich ihm selbstverständlich ein Schmerzmittel.“
Wirksamkeit umstritten
Für Rüdinger, der seine Kenntnisse in verschiedenen Funktionen an Medizinstudenten, Arztkollegen und Apotheker weitergibt, steht die Wirksamkeit der Akupunktur außer Frage. „Nehmen Sie nur das De-Qi-Gefühl, das schon in alten Quellen erwähnt wird: Die Patienten verspüren an der Einstichstelle etwas, das sie als elektrisierendes, leicht betäubendes Kribbeln beschreiben. Im Kernspintomografen lässt sich nachweisen, dass – und vor allem auch wo genau – diese Signale im Gehirn ankommen.“
Unter Wissenschaftlern ist die Wirksamkeit der Akupunktur dennoch umstritten. Die gleichen Studien, die von den Befürwortern als wissenschaftlicher Nachweis betrachtet werden, deuten die Gegner ganz anders. Denn die Ergebnisse der „wahren“ Akupunktur fallen nur wenig besser aus als die von Scheinakupunktur.
Eine Sitzung kostet zwischen 30 und 80 Euro. Seit einiger Zeit übernehmen bei Rücken- oder Kniebeschwerden unter bestimmten Voraussetzungen die gesetzlichen Kassen die Kosten. Generell begrüßt Rüdinger diese Entwicklung. Wenig Verständnis hat er allerdings für die Vorschrift des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), dass pro Knie zwischen sieben und vierzehn Nadeln gestochen werden müssen: „Das ist eine Aufforderung zur Körperverletzung – manche Patienten vertragen nicht mehr als zwei Nadeln.“
Unsere Expertin:
Professorin Xin Ming von der TCM-Klinik Bad Kötzingen
Ullrich Jackus / Apotheken Umschau;
06.12.2010
Bildnachweis: Corbis GmbH/Gregor Schuster, W&B/Bernhard Huber, W&B/Marcel Weber
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