ADHS bei Erwachsenen

Für ADHS-Patienten ist der Alltag ein Kampf. Neurofeedback kann helfen, die Aufmerksamkeitsstörung in den Griff zu bekommen
von Celine Hofer, aktualisiert am 24.02.2017

Konzentrationsübung gegen ADHS: Werner K. versucht beim Neurofeedback eine Buddha-Figur kraft seiner Gedanken zum Schweben zu bringen

W&B/Thomas Dashuber

Wer ADHS hört, denkt meist an Kinder, die ständig he­rumzappeln und sich nicht konzentrieren können. Doch die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung kann auch Erwachsene plagen. Fachleute schätzen, dass etwa die Hälfte der Kinder mit ADHS die Symptome ins Erwachsenenalter mitnimmt. Viele wissen gar nicht, dass sie daran leiden. Andere schämen sich, über das Problem zu sprechen, weil sie fürchten, ausgegrenzt zu werden.

So fühlt auch der 28-jährige Werner K. aus München, der seinen richtigen Namen hier nicht lesen möchte. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich meinen Job los wäre, wüsste mein Arbeitgeber Bescheid." Bei erwachsenen ADHS-Patienten sind die Symptome weniger eindeutig als bei Kindern. Das Zappeln nimmt ab, Unruhe, Zerstreutheit und Impulsivität aber bleiben. Für viele ist schwer zu erkennen, ab welchem Grad die Zerstreutheit und Unruhe ein behandlungs­bedürftiges Ausmaß erreichen.

Die Aufmerksamkeitsstörung lässt sich inzwischen in den Griff bekommen. Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat bilden dabei nur einen Baustein der Therapie. An der Universität Tübingen haben Forscher zudem versucht, Betroffenen mit Neurofeedback zu helfen. "Die Tests ergaben, dass Patienten auch lange Zeit danach von der Methode profitieren", sagt Dr. Ute Strehl, die an dem Projekt beteiligt war.

Forscher testen Neurofeedback als Therapie

Neurofeedback erfasst mittels EEG (Elektroenzephalografie) die Gehirnaktivität und gibt die Werte über Elektroden an einen Rechner weiter. Mithilfe eines Computerspiels, das der Patient ausführt, wird seine Hirnaktivität für ihn in Echtzeit sichtbar (Feedback) und im Lauf der Zeit steuerbar. "Ziel dabei ist, das Erlernte zu trainieren und im Alltag abrufen zu können", sagt der Münchner Neurofeedback-Therapeut Philipp Heiler. Er stellt seinen Patienten individuell zugeschnittene Programme zur Verfügung. Werner K. etwa trainiert mit einem Buddha, den er mit der Kraft seiner Gedanken zum Schweben bringen soll. Lässt die Konzentration nach, stürzt die Figur zu Boden. Seit Kurzem besucht der 28-Jährige die Münchner Praxis: "Nach den Sitzungen fühle ich mich wacher und kann mich im Büro besser konzentrieren."

ADHS: Informationsüberfluss im Gehirn

Bei ADHS ist die Regulierung der Boten­stoffe im Gehirn gestört. Das beeinträchtigt die Informationsübertragung zwischen den Hirnregionen. Besonders betroffen sind Areale, die beim Ordnen der Gedanken und bei der Steuerung von Motivation, Aktivität und Aufmerksamkeit eine Rolle spielen. Auch die Signalübertragung wird nicht genügend gehemmt, sodass ein Informa­tionsüber­fluss entsteht. Die Folge: Die Betroffenen können sich nicht mehr konzen­trieren, haben Probleme, strukturiert zu denken, und werden vergesslich.

Werner K.s Zappeln fiel erstmals in der Grundschule auf. "Ich konnte keine zwanzig Sekunden still sitzen, war extrem hyperaktiv und wahnsinnig ablenkbar. Ich fühlte mich wie in einer kreisenden Spirale."

Er begann Methylphenidat zu nehmen. "Dadurch änderte sich die Situation schlagartig." Auf einmal sah er die Dinge klar und konnte seine Gedanken steuern. Nach einigen Jahren aber verzichtete er auf die Tabletten. Zu sehr beeinträchtigten ihn die Nebenwirkungen. "Ich wurde apathisch. Wollte niemanden mehr sehen und konnte mich für nichts begeistern."

Nebenwirkungen wie Depressionen treten bei Methylphenidat häufiger auf. "Auch wir erleben Patienten, die die Medikation im Lauf der Behandlung abbrechen oder phasenweise aus­set­zen", sagt Professorin Alexandra Philipsen von der Uniklinik für Psycho­logie und Psychotherapie Oldenburg.

Methylphenidat – Mittel mit zwei Seiten

Methylphenidat wird zur Behandlung von ADHS eingesetzt. Es erhöht den Spiegel des Nervenbotenstoffs Dopamin im Gehirn, wodurch sich Menschen mit ADHS besser konzentrieren können. Allerdings unterdrückt das Mittel auch Gefühle und beeinflusst so die Emotionalität. Neugierde und Kreativität können nachlassen.  


Nicht nur die Therapie birgt Herausforderungen, auch die richtige Diagnose zu stellen ist nicht selbstverständlich. "ADHS ist seit Jahren bei Erwachsenen nachgewiesen. Trotzdem kommt es in Fachkreisen immer wieder zu Kontroversen", sagt die Psychiaterin Dr. Johanna Krause aus München. Die Symptome wurden bei Erwachsenen lange Zeit nicht richtig gedeutet.

Aus Unwissenheit oder Verzweiflung versuchen viele ADHS-Patienten, sich vermeintlich selbst zu helfen. "Ich nahm Schlaftabletten und Aufputschmittel, weil mein Gehirn ständig auf Hochtouren läuft", erzählt die 36-jäh­rige Lehrerin Anne H. aus Berlin. Vor zwei Jahren suchte sie wegen schwerer Depressionen Hilfe in einer Fachklinik. Dort stellten die Ärzte schließlich fest, dass sie an ADHS leidet. "Endlich hatte mein Zustand einen Namen."

Selbstzweifel durch ADHS

In vielen Lebensgeschichten sind frustrierende Erfahrungen die Regel. Sie nagen am Selbstwertgefühl und schüren Selbstzweifel. Zum Beispiel kann es einem ADHS-Patienten passieren, dass er den Termin für eine wichtige Prüfung einfach vergisst.

Das ruft Hoffnungs­losigkeit hervor – auch weil es schwierig ist, anderen Menschen zu vermitteln, dass es sich bei solchen Vorfällen nicht um reine Zerstreutheit handelt – und dass sich das Problem in den meisten Fällen eben nicht mit einem Terminkalender beheben lässt. Häufig entstehen Begleiterkrankungen wie etwa Süchte, Depressionen oder Angstzustände.

Anne H. ist inzwischen selbstsicherer und kommt im Alltag besser zurecht. Immer seltener verlegt sie zum Beispiel ihre Schlüssel. Psychotherapie, Medikamente und Neurofeedback helfen ihr, sich zu organisieren.

Dass Neurofeedback tatsächlich auch Veränderungen im Gehirn verursachen kann, hat kürzlich eine weitere Untersuchung an der Universität Tübingen gezeigt. Wie nachhaltig diese Effekte sind, muss sich allerdings erst noch erweisen. Werner K. jedenfalls hilft die Methode. Seine Buddha-Figur stürzt jetzt deutlich seltener ab als zu Beginn der Therapie.


Lesen Sie auch:

Lästiges Lidzucken

Nervosität, innere Unruhe »

Innere Anspannung, Unruhe, Ängstlichkeit und Nervosität können viele Ursachen haben. Ein Überblick »

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Haben Sie schon einmal versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages